Marschland: Meisterwerk von Menschenhand

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„Gott schuf das Meer – Der Friese schuf die Küste“

Ausgang aller Marschen ist das Watt. Marschland ist das fruchtbare Flachland an der Küste. Mit etwa 550 Km Länge ist das Wattenmeer und das Marschland der Nordseeküste das grösste der Welt. Von den Westfriesischen Inseln in Holland über Ostfriesland, Hamburg und Nordfriesland bis nach Jütland in Dänemark. Das Naturwunder ist gerade mal 6.000 bis 12.000 Jahre alt, in der Geo-Geschichte also noch taufrisch. Die Entstehung im Zeitraffer dargestellt:

Salzwiesenpflanzen konnten die Eiszeiten an der Westküste Frankreichs überstehen. Vor etwa 12.000 Jahren wich das Eis endgültig zurück, die Temperaturen stiegen. Vor erst 8.500 Jahren füllte das Schmelzwasser die Nordsee. Der Meeresspiegel stieg um 40 Meter auf den heutigen Stand. Dadurch wurde die Landverbindung zwischen England und dem Kontinent unterbrochen. Strömungen und Wellengang bildeten Strandwälle, aus denen die Dünen wurden. Hinter diesen Schutzwällen bildeten sich zunächst ausgedehnte Moore. Mit weiter steigendem Meeresspiegel wurden auch die Moore überflutet und seit 6.000 Jahren mit Ablagerungen bedeckt. Das ist das heutige Watt.

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Das Land am Meer: Kooge und Warften, Priele und Siele, Uthlande und Geesten

Die Salzwiesen der Nordseeküste konnten sich nur in Verbindung mit dem Watt ausbilden. Eine Salzwiese entsteht, indem in höheren, nicht so häufig und lange überfluteten Bereichen Pflanzen fußfassen. Der Zu- und Ablauf des Wassers erfolgt über Priele (natürliche Wasserläufe), die das Watt im Meer und die Salzwiesen an Land durchziehen. Durch Ablagerungen der Pflanzen entsteht die allmähliche Verlandung der Salzwiesen; also die Auffüllung von Gewässern mit organischem Material. Und daraus entstehen die Marschen; das Marschland. Dieser natürliche Vorgang wurde von den Küstenbewohnern für die Landgewinnung genutzt.

Schon im Mittelalter entstand aus den unwegsamen Mooren eine Kulturlandschaft, die aber bei dramatischen Sturmflut-Katastrophen der Gewalt des Meeres wieder zum Opfer fiel. Heute ist ein Teil der ehemaligen Uthlande (Außenlande; Inseln und Halligen) im Meer versunken oder durch Eindeichung und Landgewinnung Teil der Festlandküste geworden.

Eine bewusst geplante Verlandung flacher Meeresküsten wird durch Deichbau, Buhnen und weiteren Küstenschutz unterstützt. Landgewinnung einerseits und Schutz vor Landverlust durch Sturmfluten andererseits sind also untrennbar miteinander verbunden. Zu diesem Zweck wurden die Marschen früher eingedeicht. Die so geschützten Gebiete werden als Koog (Polder, eingedeichtes Land) bezeichnet.

Wo kein Schutz durch Deiche vorhanden ist, zum Beispiel auf Halligen, werden die Gehöfte auf Warften gebaut; aufgeschüttete Hügel, die höher liegen als die höchste Flut. Das Marschland wird durch ein komplexes Entwässerungssystem aus Gräben, Wettern, Pumpstationen und Sielen trockengehalten. Ohne die ständige Entwässerung würde die Marsch wieder zu einem unbewohnbaren Moorgebiet.

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Bernstein, Mikroklima und Bauernregeln

Durch die Küstenlage ist das Marsch-Klima ausgeglichener als das Klima im Binnenland. Dieses Mikroklima ist die Folge der Entwässerungsgräben und schützt vor Frost im Frühjahr wie auch vor unerträglicher Hitze im Sommer. Der hohe Grundwasserspiegel der Marschböden ist für die Wasserversorgung der Pflanzen weitaus besser als auf der Geest (trockenes, hochgelegenes Land).

So sind die fruchtbaren Böden in den Marschgebieten denn auch ein Grund für die kulturellen Entwicklungen. Vielfach grenzten sich die Marschbewohner bis in das 20. Jahrhundert von den ärmeren Bewohnern der Geest ab, zum Beispiel in der Heiratspolitik. Wer früher einen Bewohner aus der Geest heiratete, der musste mit Enterbung und Verstoß aus der Dorfgemeinde rechnen. Bauernregeln folgen eben Naturgesetzen – und passen selten ins Poesiealbum.

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Wie das Land am Meer kultiviert wurde

In frühgeschichtlicher Zeit gab es keinen Deichschutz. Eine Besiedlung des Marschlandes war wegen der Überflutungsgefahr ein Wagnis. Trotzdem reichen Zeugnisse von der Anwesenheit des Menschen auf den Marschen bis in die Jungsteinzeit (4000 bis 1500 v. Chr.) zurück. Die ersten Aufzeichnungen entstanden erst in der Römischen Kaiserzeit (bis 450 n. Chr.) und in der Wikingerzeit (800 bis 1050 n. Chr.) und geben Einblicke in die Form der Anpassung der Bewohner an ihre rauhe Umwelt.

Das älteste Zeugnis vom Gebiet der Friesen stammt von dem Griechen Pytheas von Massilia, der um 325 v. Chr. die heutige Deutsche Bucht erreichte: „An einem Wattgebiet des Ozeans namens Metuonis liegt von diesem entfernt die Insel Abalus, wo im Frühjahr Bernstein angetrieben wird.“ Dies ist die erste Erwähnung von Helgoland (Abalus) und der südlichen Nordseeküste. Bernstein (Amber) gehört zu den ältesten Gütern des damaligen Welthandels und wurde bis nach Ägypten exportiert. Das nordfriesische Wattenmeer sehen einige Forscher – unter Verweis auf die von Plinius dem Älteren überlieferten Angaben – als das Bernsteinland (Elektriden) der Antike und des frühen Römischen Reiches.

Die Friesen sind um das Jahr 800 in die Uthlande (Außenlande; Inseln und Halligen) zwischen Eiderstedt und Sylt eingewandert, die später zu Dänemark gehörten. Zunächst besiedelten sie nur die Inseln, in einer zweiten Einwanderungswelle nach dem Ende der Wikingerzeit – um das Jahr 1100 – auch den Küstenstreifen bis zur heutigen deutsch-dänischen Grenze.

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