Das Venedig Prinzip: Zum Disneyland verurteilt

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Bevor Venedig im Meer versinkt, erstickt es im Sumpf der Lobbys

Mit Handelsreisen ist Venedig zur Weltmacht aufgestiegen – mit Reisehandel ist die einst so stolze Weltstadt auf dem Weg, im Meer zu versinken. Nicht durch die Naturgewalten des Meeres, nicht durch Hochwasser und Sturmfluten. Das Trauerspiel vom langsamen Sterben in Schönheit ist nur die passende Inszenierung; nur das Drehbuch für einen Kassenschlager, für eine ewige Nr.1 auf der weltweiten Bestseller-Liste, für eine Weltmarke, wie sie noch kein Konsumgüterkonzern erschaffen hat, seit es Cola-Flaschen, Autos und Internet gibt.

Venedigs Geschäft mit dem Untergang

Nein, Venedig versinkt nicht im Meer. Es erstickt im Sumpf der Reiseindustrie. Es wird überschwemmt vom billigen Massentourismus und vom neureichen Luxuskonsum gleichzeitig. Es wird geplündert von Finanz-, Immobilien-, Bau-, Hotel-, Verkehrs- und Partei-Konzernen. Es wird versenkt von Lobbyisten. Von Menschenhand. Nicht vom Meer. Venedigs Geschäft mit dem Untergang ist das makaberste Produkt der Reiseindustrie.

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Fotos oben: Gigantomanie in all ihrer Hässlichkeit – Im Mittelalter haben sich blindwütige „Kreuzfahrer“ auf dem Weg zum Orient in Venedig eingeschifft. Heute wird die Stadt von der gleichnamigen Seuche heimgesucht. Beide Kreuzzug-Varianten ein Milliardengeschäft für Spekulanten

Das Drama Venedig ist Goethes Faust im Hollywood-Format. Ein permanenter Welterfolg ohne Verfallsdatum, der eine handvoll Spekulanten im Geld schwimmen lässt, während das Weltkulturerbe, der einstige Nabel der Welt, zur Kulisse verkommt.

„Das Venedig Prinzip“ klingt nach kulturwissenschaftlicher Formel oder nach perversem Finanzmodell. Aber nein; Ironie des Schicksals: „Das Venedig Prinzip“ ist ein Film! Ein neuer Dokumentarfilm von Andreas Pichler. Kinostart war Dezember 2012. Die Filmpresse ist begeistert: „Die stilistisch brillante Abrechnung mit einem rücksichtslosen Milliardengeschäft“ schreibt Programmkino.de – „Das Venedig Prinzip fügt seine Argumentation sorgfältig zusammen, mit Bildern, die das verrutschte Verhältnis zwischen der Stadt und der gigantomanischen Tourismusindustrie eindrücklich illustrieren“ ist auf critic.de zu lesen.

Sogar im Feuilleton des Medienkartells von ARD bis ZEIT wird brav applaudiert. Freilich „politisch korrekt“ in nichtssagendem Lobbyisten-Deutsch aus dem Wahrheitsministerium. Nur der Berliner Tagesspiegel traut sich ein zensiertes Tabuwort: „Die Gewährsleute, die Pichler für seinen melancholischen Widerstandsfilm getroffen hat, sind allesamt zu Herzen gehende Venezianer.“

Video oben: „Das Venedig Prinzip“ – Trailer zum Kinofilm

Der beeindruckende Film setzt den Zuschauer dem aus, was jeder als Stereotypen von Venedig im Kopf hat: Gondelfahrten, Markusplatz, Paläste und Karneval. Klischees einer Stadt, die sich dem Tourismus hingibt.

Rund 20 Millionen Menschen besuchen Venedig jedes Jahr. Das macht durchschnittlich 60.000 Köpfe pro Tag. Bei nur 90.000 Einwohnern im historischen Zentrum und den weiteren 120 Inseln innerhalb der Lagune. Der Film zeigt nicht nur die romantische Seite der Stadt; er setzt sich mit dem Massenandrang und den Konsequenzen für die letzten Venezianer auseinander. Denn: Je mehr Touristen in die Stadt strömen, desto mehr Einwohner entscheiden sich, die Stadt zu verlassen und ins nahegelengende Umland zu ziehen. Venedig, so ihre Aussage, sei unbewohnbar geworden. Äußerlich immer noch grandios anzuschauen, offenbart sich bei der genauen Betrachtung, was tatsächlich vom venezianischen Leben übriggeblieben ist.

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Fotos oben: 60.000 Touristen täglich! – Venezianer aus dem richtigen Leben kommentieren im Film mit Witz, Verstand und grimmigem Sarkasmus

Filmkritik von Petra Wille, Filmstarts.de-Redaktion

Das führende deutsche Online-Filmportal über „Das Venedig Prinzip“:  „Mit Venedig verbindet wohl jeder bestimmte Bilder, ob diese den Karneval zeigen, Büchern und Filmen entspringen oder dem eigenen Fotoalbum. Die auf Millionen von Holzpfählen errichtete Stadt fasziniert mit ihren Palästen, Kanälen, Brücken und kleinen Gassen und ist mit keiner anderen Stadt vergleichbar. Glanz und Größe verdankt Venedig dem Handel. Bereits um 1300 lebten hier fast 100.000 Menschen. Die Einwohnerzahl stieg weiter an, schwankte über die Jahrhundert und sinkt seit den 1970er Jahren wieder.

Früher sorgte die Pest dafür, dass Venedig seine Bewohner verlor. Heute ziehen die Menschen aufs Festland, weil die Stadt ihnen keine Zukunft mehr bietet und die Mieten astronomische Höhen erreicht haben. Andreas Pichler zeigt in seinem Dokumentarfilm „Das Venedig Prinzip“ mit gutem Gespür für besondere Bilder einen anderen Blick auf Venedig als den der bewundernden Besucher: den Blick der Einwohner, die teils resignieren, sich teils aber auch gegen das Ausbluten der städtischen Strukturen wehren.

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Fotos oben: Nachruf auf eine Schönheit, die im Sterben liegt. Im Jahr 2030, besagt die Statistik, wird in dieser Stadt kein Leben mehr sein – nur noch Sightseeing

Im Film kommen Bewohner der berühmten „Serenissima“ genannten Lagunenstadt selber zu Wort. Die 82-jährige Architektur-Expertin Tudy Sammartini lebt in einem Palazzo, den sie in Teilen an Touristen vermietet. Flavio fährt mit seinem Lastenboot die Habseligkeiten der Menschen aufs Festland, die aus der Lagune wegziehen müssen – am Ende wird es ihn selbst treffen. Herr Codato begutachtet Gebäude und ihre Bausubstanz und verzweifelt an der Unehrlichkeit in seinem Metier, denn reiche Interessenten wollen die unangenehme Wahrheit nicht hören: Der Mörtel bröckelt, weil die stetigen Wellen der Kanäle die Steine lockern, und die Restaurierungen der vergangenen Jahrzehnte halten nicht lange. Auch um einige Bewohner steht es mehr schlecht als recht: Ein Mann steht mitten unter Touristen mit einem Bettler-Schild: „I am Venetian, but I have no hotel, no gondola, no souvenirshop“.

Das Venedig-Prinzip scheint darin zu bestehen, sämtliche Infrastruktur zu vernachlässigen, die „nur“ von den Einwohnern genutzt wird. Und so gehen wichtige Einrichtungen der Stadt verloren: Einmal läuft Tudy wehmütig durch ein wunderbares, verlassenes Gebäude und seufzt „Unsere schöne Post“. Was eine Stadt zum Leben braucht – Märkte, Schulen, Krankenversorgung – wird in Venedig den touristischen Angeboten geopfert. Die Behörden und Regierungen lassen es geschehen und die Stadt verkommt zum Disneyland.

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Abb. oben: Glorreiches Venedig um 1730 – zwei Gemälde von Canaletto

So deprimierend Pichlers Bestandsaufnahme auch oft ist, seinem Kameramann Attila Boa gelingt es, der bereits tausendfach abgebildeten Stadt neue Ansichten abzugewinnen, etwa wenn er dem Gutachter Codato in dunkle Häuser folgt und beim Öffnen der Fensterläden wunderbare Räume mit Wandgemälden und Fußboden-Mosaiken zum Vorschein kommen. Nahezu genial ist die beim Ball der Dogen gefilmte Sequenz: Mit Montage und Ton bringen die Filmemacher hier den Widerspruch zwischen schnödem Sein und schönem Schein auf den Punkt. Doch auch die ganz einfachen Ansichten der Stadt sind aufschlussreich. Sie zeigen auf eindrucksvolle Weise das vom Tourismus geprägte Erscheinungsbild, schließlich hat das kleine Venedig mehr Kreuzfahrtgäste als das riesige New York; am stärksten ist das Bild, in dem sich ein bizarr großes Kreuzfahrtschiff durch die Gassen schiebt – es läuft gerade in den Hafen Venedigs ein und überragt die Dächer der alten Häuser überaus deutlich.

In Pichlers aussagekräftigen Aufnahmen und vor allem in den unterschiedlichen Blickwinkeln der Bewohner, die er uns präsentiert, wird die Situation der Stadt deutlich. Die alten Menschen resignieren, aber unter den jüngeren sind noch einige, die kämpfen. So zum Beispiel die Eltern, die gegen die Schließung einer Kindernotstation protestieren. Oder ein paar Rapper, die wünschen, die Touristen mögen vom Hochwasser weggespült werden, dazu zeigt Pichler Bilder des nächtlichen Venedig. Die Aussichten für die Stadt scheinen schlecht. Das leicht Heruntergekommene einiger Viertel verliert seinen Charme, wenn man Prognosen hört, dass 2030 niemand mehr dort wohnen wird. Doch auch wenn der Gondoliere Flavio am Ende auf dem Festland wohnen wird und die Aussicht aus seinem Fenster nicht mehr mit der früheren zu vergleichen ist: Es gibt eine positive Seite der Veränderung, die womöglich auch der Stadt widerfahren wird.

Fazit: Gut gewählte Protagonisten und außergewöhnliche Venedig-Ansichten fügen sich zu einem sehenswerten Venedigporträt der anderen Art. Sehr kritischer, aber nie larmoyanter Blick auf den Niedergang einer Legende und die Versuche, zu retten, was hoffentlich noch zu retten ist.“ (Zitat Ende auf Filmstarts.de)

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Abb. oben: Venedig um 1650 (Ausschnitt) – eine der größten europäischen Städte, im Besitz der meisten Handels- und Kriegsschiffe. Die Stadtrepublik war Kultur- und Wirtschaftsweltmacht, vergleichbar mit dem New York des 20. Jahrhunderts

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Fotos
Aufmacherfoto oben: Filmtank GmbH, Pressestelle, D-22769 Hamburg, www.filmtank.de
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