Wattenmeer: Vom Seenot- zum Sehnsuchtsort

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Lebendige Landschaft in ständiger Veränderung

Watt ’n Meer! Inseln und Küste. Wo Land, Wasser und Himmel im Unendlichen verschmelzen. Wo die Schönheit dieser Landschaft aus dem Schaffen der Bewohner entstanden ist. Obwohl bis vor wenigen Jahrzehnten allein dem harten Broterwerb geschuldet, ist diese Harmonie zum größeren Teil nicht der Natur zu verdanken, sondern der tausendjährigen Agrikultur – der unermüdlichen Landwirtschaft, der Landgewinnung, der Entwässerung und dem Küstenschutz im Rhythmus von Ebbe und Flut.

Das Leben am Wattenmeer wird vom Gezeitenkalender bestimmt. Und vom Schutz vor tobenden Sturmfluten. Das Meer gehört zum Leben – auch an Land. Und der Meeresboden gehört zum Land – nicht nur bei Ebbe und gutem Wetter. Gutes Wetter ist Ansichtssache in dieser unendlichen Geschichte. Tatsache ist: An der Nordsee ist das Reizklima ein Heilklima. „Das Meer wäscht alle Beschwerden weg“ – das wusste schon der griechische Philosoph Platon. Inzwischen macht sich die Erkenntnis breit, dass die Sommerfrische im Norden ein Luxus ist gegenüber der Hitzequal im Süden, die nur unter Klimaanlagen erträglich ist – also nur bei schlechter Luft, verschlossener Tür und Dürre vor dem Fenster. Weshalb man trotzdem freiwillig in den Süden fährt, bleibt Geniessern im Norden ein Rätsel. Je weiter man geht, desto weniger versteht man…

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Wat is Watt? – Die Nordsee ist kein Disneyland

Das Wattenmeer der Nordsee ist weder einmalig noch Natur pur. Aber es ist das grösste Wattenmeer der Welt und eine faszinierende Kulturlandschaft – ein Weltkulturerbe. Die Schutzstation Wattenmeer mit Hauptsitz im Hafen von Husum bringt den Unterschied auf den Punkt. Zitat aus der Webseite:

„Eine einmalige Landschaft? – Die Gezeiten erzeugen an über 100 Flachküsten außerhalb der Tropen große, bei jeder Ebbe trockenfallende Watten. Überall dort leben Muscheln, Würmer, Krebse und hungrige Wattvögel, die diesen besonderen Lebensraum zwischen Land und Meer nutzen. Doch unser Wattenmeer an der Nordsee ist einfach das größte.

Eine Naturlandschaft? – Das Watt an der Nordseeküste ist seit etwa 1000 Jahren spürbar durch menschliches Wirken verändert worden. Der Deichbau erlaubte es, die Küstenlinie, die vorher allein vom Meeresspiegel und von Sturmfluten bestimmt wurde, zu verändern. Das heutige Wattenmeer ist daher hinter den Deichen ein Resultat menschlichen Wirkens, auf der Seeseite dagegen weiterhin ungestüme Natur.“ Zitat Ende.

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Die Frage „Zurück zur Natur?“ ist damit beantwortet. Natur ist ein Resultat höchster Kunstfertigkeit, das durch ein kompliziertes System von Landgewinnung und Entwässerung unterhalten wird. Die von Menschenhand geschaffene Kulturlandschaft wird in Nordfriesland seit 1000 Jahren gepflegt. Was die Friesen gegen die Naturgewalt der Nordsee geschafft haben, ist immens. Eine Arbeit, ein Werk, das sich immer als Fortsetzung der Schöpfung mit menschlichen Mitteln verstand. Auch Küstenschutz ist Naturschutz; heute verwandelt die Nordsee kaum noch Land in Watt.

Auf die cultura agri, die Agrikultur oder Landwirtschaft, folgt die cultura animi, die Pflege des Geistes. Landbau und Naturschutz sind die unteilbaren Teile eines Ganzen. Deshalb ist Naturschutz der gesunde Ausgleich zwischen Interessen und Gemeinwohl. Mithin das Gegenteil von Disneyland-Attraktionen und ähnlichen Vermarktungen. Symptome des Massentourismus mit dem Störfaktor Mensch. Ein Billigimport aus den Badewannen am Mittelmeer. An der Nordsee so überflüssig wie Hotelburgen für Ferienflieger, Rapsfelder für Biogas und Monsanto-Keulen für Gen-Kulturen.

Lang genug ist die Liste intellektueller Praktiker, die mit bestem Beispiel vorangegangen sind. Wie der „Sylt-Entdecker“ Ferdinand Avenarius vor 150 Jahren oder Carl von Carlowitz, der Erfinder der Nachhaltigkeit bereits vor 300 Jahren. Heute wären die Beiden wohl Kulturpessimisten à la Sarrazin oder bei den Piraten, bei Greenpeace oder Attac.

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Denken auf Vorrat: „Von den Zinsen leben – nicht vom Kapital“

Im Grunde eine alte Bauernregel; die waren immer schon verlässlicher als moderne Börsenanalysen. Der Rückblick auf Carlowitz ist ermutigend. Schon vor 300 Jahren wurde erkannt, dass Menschen ihre natürlichen Ressourcen durch Raubbau unwiderruflich zerstören. Das war die Holznot um 1700, als halb Europa bereits abgeholzt war. Und es war die Erkenntnis, eine Rohstoff- und Energiekrise provoziert zu haben, die sich über Jahrhunderte hinweg aus Gewohnheit und aus vermeintlich einzig denkbarer Ökonomie ergeben hatte. Holz war der wichtigste Rohstoff für Haushalt und Wirtschaft – die Holzkrise war vergleichbar mit heutigen Ölkrisen. Diese erste “Energiewende” führte schon vor drei Jahrhunderten zu einer völlig neuen Waldwirtschaft – der nachhaltigen Forstwirtschaft.

Die Aachener Stiftung Kathy Beys hat das leider nicht sehr populäre geschichtliche Ereignis in ihrem Online-Lexikon der Nachhaltigkeit unter www.nachhaltigkeit.info zusammengefasst: „Carl von Carlowitz (1645–1714), Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg, gilt als Begründer des Prinzips der Nachhaltigkeit. Angesichts der drohenden Rohstoffkrise formulierte von Carlowitz 1713 in seinem Werk Sylvicultura oeconomica erstmals, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen konnte.“

Das Prinzip der Nachhaltigkeit war erkannt – schon vor 300 Jahren. Aus dem zuerst forstwirtschaftlich geprägten Ansatz hat sich der Leitgedanke für gesundes Wirtschaften im 21. Jahrhundert entwickelt: “Von den Zinsen leben und nicht vom Kapital.” Den Unbelehrbaren sei eine Nachhilfe der zynischen Art gestattet: Man nehme sich ausnahmsweise die Banken zum Vorbild; die machen’s genau so.

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„Eine Gegend, in der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört“

Die antiken Friesen wurden 98 n. Chr. vom römischen Historiker Tacitus in seiner ethnographischen Schrift Germania der Gruppe der Ingaevones zugeordnet, zu denen noch die Chauken und Sachsen gezählt wurden. Das Land der Friesen lag an der Nordseeküste von der Rheinmündung bis zur Ems. Schon 47 n. Ch. berichtet der römische Gelehrte Plinius der Ältere über das Leben der Friesen am Wattenmeer: „Dort bewohnt ein beklagenswertes Volk hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind. In ihren Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn das Wasser das sie umgebende Land bedeckt. Und Schiffbrüchigen, wenn es zurückgewichen ist und ihre Hütten gleich gestrandeten Schiffen allein dort liegen.“ Die alten Römer haben gezweifelt, ob diese Landschaft „zum Land oder zum Meer gehört“.

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Ebbe und Flut – Die Gezeiten (oder Tiden) für Anfänger

Flut ist der Zeitraum und der Vorgang ansteigenden beziehungsweise „auflaufenden“ Wassers. Ebbe ist der Zeitraum und der Vorgang sinkenden beziehungsweise „ablaufenden“ Wassers. Den Zeitpunkt des höchsten Wasserstandes bezeichnet man mit Hochwasser (HW), den des tiefsten Wasserstandes mit Niedrigwasser (NW). Der Wasserstand zu diesen Zeiten wird Hochwasserhöhe (HWH) bzw. Niedrigwasserhöhe (NWH) genannt. Ab hier wird es wissenschaftlich.

Auf der Webseite der Schutzstation Wattenmeer wird das ewige Schwipp-Schwapp anschaulich dargestellt:

Wieso gibt es Ebbe und Flut? – Richtig, es hat was mit Mond, Sonne und Erddrehung zu tun. Die Wasserhülle der Ozeane wird durch Fliehkraft und Massenanziehung verformt. Wir drehen uns täglich unter dieser verformten Wasserhülle hindurch und durchqueren dabei zwei Flutberge und zwei Ebbtäler.

Wo gibt es Ebbe und Flut? – Überall auf der Welt gibt es Gezeiten, jedoch unterschiedlich stark. In Meerengen kann sich der Tidenhub (Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser) auf bis zu 12 m aufstauen (St. Malo, Bretagne). In Randmeeren wie der Ostsee gibt es fast keine Gezeitenwellen.

Wo ist das Wasser bei Ebbe? – Das Wasser des Wattenmeeres schwappt immer vor und zurück, je nachdem, ob der Wasserstand in der vorgelagerten Nordsee gerade steigt oder fällt. Bei Ebbe läuft es also in das Ebbtal des vorgelagerten Nordseebereiches – und die nächste Flutwelle drückt es zurück. Die Gezeitenwelle der Nordsee ist ein Ausläufer der Atlantik-Gezeitenwelle. Diese schwappt durch den Ärmelkanal und um Schottland herum in die Nordsee. Hier läuft sie gegen den Uhrzeigersinn innerhalb eines Tages durch das Nordseebecken.

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