Nordsee für Anfänger: Die süße Kunst des Müßiggangs

3_1_anfanger_100.jpg

„Tradition ist Bewahrung des Feuers – nicht Anbetung der Asche“

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine ironisiert durch die Überbetonung einer romantisch wehmütigen Gefühlsduselei mitsamt der Sonnenuntergangsmetaphorik die Rührstücke der Gartenlauben-Romantik und gibt sie damit der Lächerlichkeit preis. Das ist freilich nicht der Zweck dieser Übung. Zu Heines Zeiten (1797-1856) gab es noch keinen Massentourismus; da war die Welt für die meisten Menschen noch eine Scheibe.

0_3_mag_204_10.jpg

0_3_mag_204_11.jpg

Abb. oben: Reisen per Postkutsche zu Heines Zeiten – Belgisches Seebad Ostende um 1850

Das war zu Zeiten von Goethes Italienischer Reise (1787), als die Entdeckung des Erdballs noch ein Privileg der kulturellen Elite war. Da waren Fernseher und Internet noch nicht erfunden. Da hatte man Ferien entweder ein ganzes feudales Leben lang – oder bestenfalls an heiligen Sonntagen. Ausserhalb Westeuropas hat sich bis heute nicht viel daran geändert.

Schattenbräune statt Sonnenbrand

Wir denken eher an die Wiederbelebung dessen, was deutsche Reiseweltmeister so gerne im Ausland suchen, zu Hause im eigenen Land aber verschmähen: An das Dolce far niente der Italiener, an das Laissez-faire der Franzosen, an den Veraneo der Spanier und sogar an den Indian Summer im alteuropäischen Nordosten der USA und in Kanada: Die gute alte Sommerfrische – andernorts neidvoll bewundert, hierzulande aber müde belächelt. Verkehrte Welt. Anstatt die Schattenbräune zu pflegen, bezahlt man Geld für den Sonnenbrand. Anstatt Ferienkultur zu geniessen, erleidet man Reisekonsum.

0_3_mag_204_20.jpg

0_3_mag_204_21.jpg

0_3_mag_520.jpg

Abb. oben: Sommerferien vor etwa 100 Jahren und heute auf der Insel Helgoland – Über 100 Jahre Ferienhaus-Tradition an der Nordsee; Frankreichs Normandie und Coco Chanel in Deauville, dem Hausstrand von Paris

Fällt in der heimischen Bahn die Klimaanlage aus, schreien die Medien von „Körperverletzung“, bejubeln aber in einem Atemzug die Urlaubsreise in tropische Affenhitze bei klatschnasser Luftfeuchtigkeit am Tropf der Mineralwasserflasche. “Sie haben eine Krankheit, die leider Mode ist und der man jeden Tag bei intelligenteren Menschen begegnet“ – siehe Hermann Hesse in diesem Kapitel. Oder den Psychoanalytiker Erich Fromm im nächsten Artikel: „Entfremdung von der realen Welt ist die Krankheit des modernen Menschen.“ Dabei haben diese weltgewandten Autoren den Planeten bereits 1962 respective 1980 verlassen und die Exzesse der Reiseindustrie gar nicht mehr ertragen müssen.

Wer dennoch in einem der schönsten Länder der Welt Ferien macht, in Deutschland, dem verhökert man in deutschen Supermärkten zumindest denglische Wortkrücken – auch wenn die kaum einer übersetzen kann – als Entschädigung für entgangenes Leiden. Da wird der Spazierstock zum Nordic Walking Stick verblödet, ohne den kein Mensch mehr zum aufrechten Gang findet. Da wird das gute alte Fahrrad zum Trekking Bike verbogen, ohne das keiner mehr zum richtigen Sitz in den Sattel kommt. Und so weiter.

Früher galt: „Reisen bildet.“ Heute ist man stolz auf das Gegenteil – je weiter man fährt, desto weniger versteht man. Sogar im eigenen Land. Und trotz drei Fremdsprachen plus Latein im Gepäck. Echt cool? Eher dämlich! Weil: Würde man die Denglisch-Nebelwerfer durchschauen, dann würde sie niemand mehr ernstnehmen. Wie die leeren Worthülsen unseres politischen Personals.

0_3_mag_204_30.jpg

0_3_mag_204_31.jpg

Abb. oben: An den besten Adressen sind Ferien seit jeher Privatsache – Übersommern in Portofino an Italiens Riviera, BB im rustikalen Saint-Tropez um 1960, Künstlerdorf im Schweizer Tessin

Sommerfrische: Siesta statt Fiesta

Da, wo zig Millionen Deutsche freiwillig ihre Freizeit ertragen, in den Ferienfabriken am Mittelmeer und noch heisser südlich, da braucht kein Mensch diesen Firlefanz. Da geniessen Einheimische ihre Siesta im Schatten. Auf gut deutsch: Den Mittagsschlaf, das schiere Gegenteil von lärmender Fiesta. Natürlich ohne Sonne und ohne Klimaanlage. Da sammelt man Bauernkost auf dem Wochenmarkt und zelebriert Omas Küche im Ferienhaus.

Am Abend lässt man sich vom Wirt in der Taverne bekochen, wie schon vor einer Generation von dessen Vater, und klönt sich zwischen den Gängen ausgiebig durch die Familiengeschichten. Unrasiert und ungebügelt. Mit Kind und Kegel bis in die Puppen. Man ist zu Hause und geniesst die gute alte Zeit, für die man sonst keine Zeit mehr hat. So wird das Ferienhaus, egal ob geerbt oder gemietet, schon für die Kinder zur zweiten Heimat, zum ganz privaten Ponyhof, auf dem man Jahr für Jahr mit den selben Ferienfreunden aufwächst. Ein rustikaler Kuschelzoo, in dem Kinder noch ein Recht auf Schrammen haben. Die kleinen Narben sind ein Souvenir fürs Leben.

0_3_mag_204_40.jpg

0_3_mag_204_41.jpg

Abb. oben: Privates Landleben am Meer – gemütlich und gesund von Frankreich bis Norwegen

In anderen Ländern – in Südeuropa und Frankreich, in Skandinavien und Nordamerika – hält sich die allsommerliche Völkerwandung buchstäblich in Grenzen: In Landesgrenzen. Dort wandert man im Sommer traditionell von der Stadtwohnung in die Ferienwohnung auf dem Land, in den Bergen oder an der Küste. Für gut drei Monate, mit Kindern und Grosseltern. Die berufstätigen Hausherren bleiben in der Stadt und pendeln an den Wochenenden. Verwandte und Freunde kommen zu Besuch, Familienleben und Lebensqualität kommen unter einen Hut. In den Frühjahrs- und Herbstferien und an langen Wochenenden gönnt man sich den Genuss erneut – schliesslich ist das Ferienhaus jederzeit verfügbar; oft schon seit Generationen im Familienbesitz oder ganzjährig gemietet. Das Umfeld ist vertraut; man fühlt sich in den Ferien ebenso zu Hause wie zu Hause in der Stadt.

Am Rande bemerkt: Ein echtes Ferienhaus ist mit deutscher Gründlichkeit nicht vereinbar. Entweder Müßiggang oder Rasenmähen. Entweder Speisekammer mit Fliegengitter und Omas charmanten Kochtöpfen oder blitzblanke Markenküche mit Tiefkühltruhe für Discounter-Fraß. Entweder fernsehen am Flachbild-TV oder Bolzplatz vor der Gartentür. Wer Wildwuchs erst chemisch reinigen muss, der sollte lieber ein steriles Hotelzimmer beziehen. Ordentlich nach Deutscher Industrienorm DIN-08/15.

0_3_mag_204_50.jpg

0_3_mag_204_51.jpg

0_3_mag_204_52.jpg

Abb. oben: Grosse Ruhe, grosse Landschaften – die nördliche Nordsee in Schottland und Norwegen

„Mein Haus, mein Meer, meine Ruhe!“

„Mein Haus, mein Meer, meine Ruhe!“ Hierzulande wird das denjenigen Zeitgenossen als „asozialistisch“ unterstellt, die ein Milliönchen unter der Matratze haben und ihre Freizeit in Freiheit geniessen. In den Zielgebieten der Deutschen gilt das seit jeher als höchstes Ferienglück auf Erden – aber nur für die Einheimischen. Die Reiseweltmeister aus dem Norden sind dort bestenfalls Zaungäste aus den Gewerbegebieten des Tourismus, einquartiert in Bettenfabriken, sogar mit 5-Sterne-Logo am Werktor und allem Firlefanz unterm Hoteldach.

Den Einheimischen ist deweil das Privatleben in der Sommerfrische heilig. Das Dolce far niente, das Laissez-faire, der Veraneo, der Indian Summer. Wie industriell klingt dagegen “Zielgebiete, Ferienflieger, Reiseleiter, Fitness-Training, Animation” – schon die Militärsprache der Reiseindustrie lässt das Schlimmste befürchten. Fehlt nur noch “Strammstehen zum Essenfassen!” Oder neudeutsch Luncheon (lantschn). Das kann auch dick aufgetragenes Denglisch nicht übertünchen.

Das hat der Pazifist und Reiseberichterstatter Heinrich Heine sicher nicht im Sinn gehabt, als er vor rund 150 Jahren die Gartenlauben-Romantik aufs Korn nahm. Der gefürchtete Satiriker würde sich heutzutage auf die Massenkultur einschiessen.

0_3_mag_204_60.jpg

0_3_mag_204_61.jpg

0_3_mag_204_62.jpg

0_3_mag_204_63.jpg

Abb. oben: Die Bretagne an der Kanalküste – Klima erwartet man; Wetter bekommt man

Wer sich langweilt, braucht keine Ferien

„Wenn das Publikum sich langweilt, dann spiele langsamer, nicht schneller.“ Gustav Mahler (1860-1911), österreichischer Dirigent und Komponist, ist nicht minder bekannt als bissiger Zeitkritiker. Beim Thema Genuss befindet sich der Störenfried in bester Gesellschaft mit modernen Klassikern der Weltliteratur, wie Hermann Hesse („Siddhartha“) und Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“).

Mahlers scharfe Kommentare sind heute so aktuell wie vor 100 Jahren: „Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten“ oder „In Österreich wird jeder das, was er nicht ist“ – das lässt sich heutzutage leicht auf den Reisekonsum übertragen: „Das Beste in den Ferien verdörrt nicht in der Sonne“ oder „In der Dritten Welt wird jeder Tourist das, was er nicht ist.“

Weiter mit Gustav Mahler: „Zwischen Vergnügungen und Vergnügen besteht ein großer Unterschied; ich jedenfalls habe selten Vergnügen an sogenannten Vergnügungen gehabt.“ Folgerichtig sein Zitat, das wir zum Thema Freizeit entliehen haben: „Tradition ist Bewahrung des Feuers – nicht Anbetung der Asche.“

Fotos
Pressefotos/Pressemappen von Herstellerfirmen/Dienstleistern oder, sofern nicht namentlich genannt, besteht Creative Commons License (CC) oder Public Domain (PD) oder sonstiges Copyright/Copyleft laut rechtlichem Hinweis in Website Information nach EU-Richtlinie 2000/31/EG.

0_0_infopie_100.jpg

Empfehlung für Ihre Online-Recherche: Fügen Sie Ihren Suchwörtern „Wikipedia“ hinzu
Unterstützen Sie Wikipedia mit Ihrer Spende