Es war einmal in Deauville – Coco Chanel 1913

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Stil statt Style: Der Kurzfilm von Karl Lagerfeld

Gabrielle ‚Coco‘ Chanel – ein Mode-Mythos. Ihre Mode prägt seit 100 Jahren den Unterschied zwischen Stil und Style. Das „kleine Schwarze“ und das Chanel-Kostüm aus Tweedstoff gehören zu den Klassikern modernen Designs. Der Näherin aus der Provinz (1883-1971) gelang es, nicht nur in die Männerdomäne vorzudringen, sondern sie mit ihrem eigenen selbstbewussten Stil aufzubrechen. 40 Jahre nach ihrem Tod ist der Name der ehemaligen französischen Hutmacherin noch immer ganz oben.

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Abb. oben: Filmszene mit Keira Knightley und Clotilde Hesme – Deauville 1865 des frühen Impressionisten Eugène Boudin – Coco Chanel 1913 – Karl Lagerfeld bei den Dreharbeiten

Das verdankt sie dem Deutschen Karl Lagerfeld, seit 1983 Chef-Designer im Pariser Hause Chanel. Im Mai 2013 hat Lagerfeld einen sehr schönen Kurzfilm über Cocos Boutique in Deauville vorgestellt, die 1913 eröffnet wurde. Das Seebad Deauville, an der Kanalküste der Normanie und nahe an Paris gelegen, war seit den 1860ern „ein Königreich der Eleganz“. Ein Treffpunkt für berühmte Künstler, den Hochadel und die reichsten der Reichen aus aller Welt.

Dort war die junge Chanel in allen Zirkeln unterwegs und kannte jeden. Das war die Epoche von Picasso, Diaghilev, Stravinsky, Cocteau, Jean Renoir, Visconti – die fleissige „Coco“ kannte sie alle und arbeitete mit ihnen zusammen. So kreierte sie ihr eigenes, revolutionär neues Konzept der Eleganz.

Once Upon A Time – Hinter den Kulissen

Zur Feier des 100-Jahr-Jubiläums der Eröffnung von Gabrielle Chanels erster Boutique in Deauville erscheint der Film „Once Upon A Time“ von Karl Lagerfeld mit Keira Knightley und Clotilde Hesme in den Hauptrollen. Gedreht wurde an zwei Tagen im März 2013 in der Cité du Cinéma, einem Filmstudio bei Paris. Dort wurde die Straße, in der sich Coco Chanels erste Boutique befand, originalgetreu nachgebildet.

„Ich dachte zunächst, wir würden einen Stummfilm drehen“, so Schauspielerin Keira Knightley. „Als ich am Set ankam, sollte ich Französisch sprechen. Ich sagte nur ‚Bonjour‘ und ‚Merci‘ und machte dann auf Englisch weiter. Mit Karl Lagerfeld zu drehen ist eine wahre Freude. Ich sagte sofort zu, für ihn die Coco zu spielen!“

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Abb. oben: Kanalküste bei Deauville – Coco Chanel in Deauville um 1913 – Chanels Jersey-Kleider

Keira Knightley und Clotilde Hesme trugen aufeinander abgestimmte Outfits, die von Karl Lagerfeld persönlich entworfen wurden. Unter den weiteren Darstellern finden sich treue Anhängerinnen des Modeschöpfers wie die Models Stella Tennant, Lindsey Wixon und Jamie Bochert, Caroline de Maigret sowie Lady Amanda Harlech und ihre Tochter Tallulah. Unter die männlichen Darsteller reihten sich Baptiste Giabiconi, Sébastien Jondeau, Jake Davis und Brad Kroenig mit seinem Sohn Hudson.

Ihren Text bekamen die Darsteller immer erst kurz vor den Einstellungen. „Karl Lagerfeld arbeitet auf eine sehr direkte Art mit seinen Schauspielern“, erklärt Keira Knightley. „Es war das erste Mal, dass ich auf diese Weise gearbeitet habe“, bestätigte auch Clotilde Hesme. „Es macht viel Spaß und ist sehr dynamisch. Außerdem können wir die anderen Schauspieler so sehr viel bewusster wahrnehmen“.

Video oben: Kurzfilm starten

Erst kürzlich wurde Cocos Leben zweimal verfilmt: 2009 drehte die französische Regisseurin Anne Fontaine „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“. Der Film, mit Audrey Tautou in der Hauptrolle, behandelt die Jugendjahre Cocos sowie den Aufstieg vom mittellosen Waisenmädchen aus der Provinz zur größten Ikone der zeitgenössischen Haute Couture. Ebenfalls 2009 zeigte der Ressigeur Jan Kounen den Film „Coco Chanel & Igor Stravinsky“ auf den Filmfestspielen in Cannes. Während Fontaines Verfilmung Jugend und Aufstieg Chanels behandelt, dreht sich dieser Film um das leidenschaftliche Verhältnis zwischen der Mode-Ikone und dem russischen Komponisten Igor Strawinski.

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Abb.oben: Zeichungen von Karl Lagerfeld – Kreationen und Portraits von Coco Chanel

Chanel hat das „kleine Schwarze“ kreiert, jenes unsterbliche Pariser Kleid für die erhebenden Momente des Lebens. Wenn Alter, Typ und Stimmung damit harmonierten, sollte die Dame „Chanel No. 5“ tupfen – empfahl dessen Erfinderin. So wird Schönheit vierdimensional. Die Französin, gut sieben Jahrzehnte berufstätig, hat dem Bild der Frau im letzten Jahrhundert mehr Korrekturen verpasst als alle ihre Konkurrentinnen um die Mode- und Meinungsmacht.

Coco Chanel hat den Frauen Bewegungsfreiheit verschafft

„Chasnel“ schrieb ein nachlässiger Standesbeamter im August 1883 in die Geburtsurkunde von Gabrielle Chanel, die unter ihrem Spitznamen Coco zur berühmtesten Modemacherin des 20. Jahrhunderts aufsteigen sollte. Damals jedoch, vor 130 Jahren, war das im Armenhaus geborene Mädchen so unbedeutend, dass ein „s“ mehr oder weniger nichts ausmachte. Bald aber verblüffte sie lebenslang ihre Geschlechtsgenossinnen: Erst durch riesige Hüte, dann durch die Abschaffung des Korsetts und der langen Röcke, die Erfindung des züchtigen Badekostüms und des lasziven Modeschmucks. Bis zu ihrem Tod führte sie eines der trendgebenden Pariser Modehäuser.

Und doch scheint sie aus der kargen Zeit im Heim etwas mitgebracht zu haben, was ihren phänomenalen Erfolg als Modeschöpferin prägte: Den Hang zu einer puren, zweckmäßigen Kleidung, die manchmal an die Ästhetik von Schuluniformen erinnerte. Alle Klassiker, die Chanel lanciert hat, das „Kleine Schwarze“, Hosen für Frauen, lockere Tweed-Kostüme oder Twinsets als „feine“ Damengarderobe, haben etwas mit diesem Hang zur Schlichtheit zu tun.

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Abb.oben: 100 Jahre Chanel – von 1913 bis 2013

Coco Chanel setzte diese mit Zutaten wie langen Kunstperlenketten in hinreißende Outfits um. 1916 kaufte sie Jersey und schneiderte daraus Jacken und Röcke mit ausgefallenen Details. Frauenkleidung aus Baumwollwirkware – das war unerhört. Und wurde schnell zum „Must Have“ der Society in Paris und Deauville. Hierzu trug natürlich bei, dass Chanel selbst mit ihren schwarzen Augen, kurzen Haaren, der gebräunten Haut und schmalen Figur umwerfend aussah. Die allzu geschmückten Damen der Gesellschaft wollten bald so auftreten wie die kleine, zarte und viel lässigere Französin.

„Es ärgert mich, wenn ich hören muss, ich hätte eben Glück gehabt. Niemand hat härter gearbeitet als ich“, sagte sie später über ihre Karriere. Und sie hatte Recht. Zwar begann sie als Geliebte des reichen Etienne Balsan, gab ihre Stellung in einem Wäscheladen auf und folgte mit 21 Jahren dem Sohn einer Textildynastie auf sein Landgut. Doch ihr Geschäft baute sie mit eigenen Händen auf.

Ermutigt wurde sie dazu von Etiennes Nachfolger, dem attraktiven Engländer Boy Capel. Er wurde die große Liebe ihres Lebens, schlug ihr vor, ihre selbst entworfenen Kleider von einem Herrenschneider nachnähen zu lassen und lieh ihr Geld, als sie in der Rue Cambon im ersten Pariser Arrondissement Geschäftsräume anmietete. Aus einem Putzmacherladen schuf sie ein Modeimperium und war bald vollkommen unabhängig von Capel.

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Abb.oben: Coco Chanels Erbe und Karl Lagerfelds Genie – ein unverwechselbares Kulturgut

Es scheint, als ob alles was Chanel anpackte, zu Gold wurde. Ihr 1921 herausgebrachtes Parfüm Chanel No. 5 gilt noch heute als „Duft der Düfte“. Als sie neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrem Schweizer Exil zurückkehrte und mit über 70 Jahren ein Comeback wagte, gelang es ihr, die Modewelt vollends zu erobern. Bis zu ihrem Tod 1971 arbeitete die energische Dame und schuf eine Marke, die bis heute unter der genialen Kreativleitung von Karl Lagerfeld als Synonym französischer Eleganz schlechthin gilt. Persönliches Glück war ihr nicht beschieden. Boy Capel starb 1919 bei einem Autounfall. Andere Liaisons wie die mit dem Herzog von Westminster scheiterten. Die Vielbegehrte blieb letztlich allein.

Aber sie hinterließ ein wertvolles Erbe: Coco Chanel hat mit ihren Kreationen den Frauen die für ein selbstbestimmtes Leben nötige Bewegungsfreiheit verschafft. Und dafür mussten sie keinen Deut ihrer Anmut aufgeben. „Heutzutage“, sagte Chanel in den 30er Jahren, „fahren Frauen Autos. Mit Krinoline ist das nicht gut möglich.“

Buchempfehlung

„The World of Coco Chanel – Friends, Fashion, Fame“ by Edmonde Charles-Roux
„The more than 400 illustrations are from an extraordinary collection amassed over the years by Edmonde Charles-Roux, Chanel’s offcial biographer and close friend. An authoritative and practised writer, Charles-Roux has used painstaking research and vivid eyewitness accounts to set the pictures in their context of time and place. She makes Chanel live again!“
Thames & Hudson, London, ISBN 9780500512166
26.00 x 19.70 cm, Hardback, 384pp, 400 colour illustrations, first published 2005, £29.95

Fotos
Aufmacherfoto oben: Chanel S.A., Service SIRH, 92200 Neuilly-sur-Seine (Paris), France
Weitere Abbildungen: Pressefotos/Pressemappen der Herstellerfirmen oder, sofern nicht namentlich genannt, besteht Creative Commons License (CC) oder Public Domain (PD) oder sonstiges Copyright/Copyleft laut rechtlichem Hinweis in Website Information nach EU-Richtlinie 2000/31/EG.

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