Friesen: Freier Geist – Kampf gegen Meer und Monarchen

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Der Wappenspruch der Friesen: „Lever duad as Slav“

Eine Weltanschauung wie in Stein gemeißelt: „Lieber tot als Sklave“. Mit der Nordsee vor der Haustür hatte man genug zu tun; eine weitere Macht auf dem eigenen Hof konnte keiner gebrauchen. Deshalb waren die Friesen Meister im Verprügeln königlicher Plünderer. Bevor sie um das Jahr 800 aus den heutigen Niederlanden und Ostfriesland bis nach Nordfriesland wanderten, hatten sie fast 1000 Jahre lang die Armeen aller Könige und Kaiser verdroschen, die das herbe Nordseevolk auszuplündern versuchten. Römische Legionen ebenso wie die Truppen der Franken-Herrscher. Am friesischen Urgestein hat sich noch jede Fremdmacht die Zähne ausgebissen.

Auch gegen die Könige von Dänemark haben die Nordfriesen jahrhundertelang ihren Freigeist gepflegt; sie brauchten keinen Adel und kannten kein Feudalsystem. Zunächst erhielten sie weitgehende Autonomie von der Grossmacht Dänemark. Vom 1241 erlassenen Jydske Lov (Jütländisches Recht) waren sie ausgenommen und konnten weiter das eigene Friesische Recht sprechen. Als der Dänenkönig Erik IV. 1250 dennoch versuchte, auch bei den Nordfriesen eine Steuer einzutreiben, musste er die Gegend mitsamt seiner Ritter fluchtartig verlassen. Seinen Nachfolger traf es noch schlimmer. Als der nächste dänische Herrscher 1252 erneut Steuern eintreiben wollte, verlor er in den friesischen Uthlanden zuerst seine Armee und dann sein Leben. Kleptokratie ist den Friesen zuwider.

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Währenddessen konnten andernorts die West- und Ostfriesen – in den heutigen Niederlanden und Niedersachsen – die von den Frankenkönigen eingesetzten Grafen wieder von der Nordseeküste vertreiben. Es begann eine bemerkenswerte Zeit der Friesischen Freiheit. Diese Form der friesischen Selbstverwaltung bedeutete einen deutlichen Unterschied zu anderen Territorien in Europa. Von der Zuidersee bis zur Weser bildeten sich Landgemeinden, die freiheitlich und genossenschaftlich mit eigener Ratsverfassung organisiert waren. Im Gegensatz zum übrigen Europa etablierten sich keine feudalen Strukturen. Bauern, Fischer, Händler und Seefahrer waren sich selbst genug.

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Wirtschaftsgeschichte: Die Friesen als Vorläufer der Hanse

Bis zum Aufstieg der Hanse waren die Friesen das bedeutendste Handels- und Seefahrervolk an der Nordsee. Der älteste Bericht von der Wirtschaft an der Nordseeküste stammt vom römischen Gelehrten Plinius dem Älteren, der im Jahr 47 als Reiteroffizier am Feldzug des Corbulus gegen die Chauken teilnahm, die Nachbarn der Friesen an der Nordsee. Seine Schilderung der Chauken gibt ein exaktes Bild vom Wirtschaftsleben der Friesen.

Zunächst handelten die Friesen an der ganzen Nordseeküste, vor allem mit Dänemark und Irland. Sodann gewannen sie über Haithabu (Schleswig-Flensburg) auch eine führende Stellung im Ostseehandel, zum Beispiel beim Import von Pelzen. Wie die Wikinger erweiterten sie ihren Markt über Gotland (Schweden), Nowgorod und die russischen Flüsse bis nach Byzanz (Istanbul) und bezogen von dort Seide aus China und Gewürze über arabische Zwischenhändler.

Als die Welt noch eine Scheibe war, entwickelte sich die Deutsche Hanse und erfand die Globalisierung – vor nunmehr 800 Jahren, zwischen dem 12. und dem 17.  Jahrhundert – ausgehend von den Hansestädten Lübeck, Hamburg und Bremen. Ursprung der Hanse sind Vereinigungen norddeutscher Kaufleute mit dem Ziel, die Seewege und Überfahren zu sichern sowie an den Handelsplätzen, besonders im Ausland, die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Nach eigenen Gesetzen, notfalls mit eigenen Kriegsschiffen. Also ganz in der Tradition der Friesen.

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Das Wattgebiet: Fischfang und Leben auf der Warft

Der römische Chronist Plinius berichtet im Jahr 47 aus Germanien: „Gesehen haben wir im Norden die Völkerschaften der Chauken, die die größeren und die kleineren heißen. In großartiger Bewegung ergießt sich dort zweimal im Zeitraum eines jeden Tages und einer jeden Nacht das Meer über eine unendliche Fläche und offenbart einen ewigen Streit der Natur in einer Gegend, in der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört. Dort bewohnt ein beklagenwertes Volk hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind. In ihren erbauten Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn das Wasser das sie umgebende Land bedeckt, und Schiffbrüchigen, wenn es zurückgewichen ist. Und ihre Hütten gleich gestrandeten Schiffen allein dort liegen. Von ihren Hütten aus machen sie Jagd auf zurückgebliebene Fische. Ihnen ist es nicht vergönnt, Vieh zu halten wie ihre Nachbarn, ja nicht einmal mit wilden Tieren zu kämpfen, da jedes Buschwerk fehlt. Aus Schilfgras und Binsen flechten sie Stricke, um Netze für die Fischerei daraus zu machen. Und indem sie den mit den Händen ergriffenen Schlamm mehr im Winde als in der Sonne trocknen, erwärmen sie ihre Speise und die vom Nordwind erstarrten Glieder durch (Torf-) Erde.“

Friesisches Salz aus dem Wattgebiet

Neben Fischen und dem auch in der Nordsee fündigen Bernstein lieferte Salzgewinnung ein wertvolles Handelsgut für die Wattbewohner. Dazu wurde salzhaltiger Torf getrocknet, verbrannt, das Restsalz gelöst und filtriert und die Sole mittels Torffeuern verdampft, wodurch das „friesische Salz“ gewonnen wurde, von der Römerzeit bis Ende des Mittelalters ein gefragtes und teures Handelsgut. Später auch Grundlage für den Export von gesalzenem Hering.

Landwirtschaft und Textilgewerbe

Im Marschland am Meer wurde Gerste, Hafer und Raps angebaut sowie Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe gezüchtet. Wegen des rauhen Klimas verwendeten die Friesen viel Mühe darauf, die Schafswolle zu guten Fäden zu verspinnen und zu dichten Stoffen zu weben. Neben Salz und Fisch wurden Stoffe ein wichtiges Exportgut. Schon die Römer schätzen friesische Wollmäntel. Damit hatten die Friesen drei selbstproduzierte Exportgüter für den Aussenhandel.

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Gute Geschäfte durch Schiffbau und Aussenhandel

Neben den selbstproduzierten Handelsgütern verfügten die Friesen als Fischer und Küstenbewohner über ausgezeichnete Kenntnisse im Schiffbau und viel Erfahrung mit der rauhen See. Damit hatten sie die Mittel, ihre Exportwaren an die Kunden und das Eingehandelte nach Hause zu bringen. Genau so wie historische Seefahrer-Völker auf anderen Meeren – wie die Griechen und Phönizier im Mittelmeer oder die Portugiesen im Indienhandel. Und genauso wehrhaft gegen Piraten; auch den Friesen war so leicht nichts zu rauben. Das alles waren beste Voraussetzungen für gute Geschäfte mit fremden Leuten.

Die Friesen bauten einen anderen Schiffstyp als ihre Konkurrenten, die Wikinger. Friesenschiffe waren flach gebaut, zum Trockenliegen bei Ebbe, wie heute noch die Plattbodensegler. Später wurde daraus die hochbordige Kogge, mit dem Ruder mittschiffs, dem Vorläufer der Hansekoggen.

Im 7. Jahrhundert begannen die Friesen nicht nur Warften für Einzelgehöfte zu bauen, sondern errichteten ganze Dorf-Warften bogenförmig an Buchten und Prielen. Heutzutage nennt man das Gewerbegebiet und Shopping Center. Die alten Friesen nannten die Strassendörfer noch Wik. Diese Dorf-Warften waren Handelsniederlassungen mit Betrieben für Handwerker wie Bootsbauer, Küfer, Segelmacher und andere Zulieferer.

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Die Friesen heute

Heute leben die Friesen traditionell noch in drei Regionen. Die im Norden der Niederlande lebenden Friesen werden in Deutschland als Westfriesen bezeichnet. Die Ostfriesen leben im Bundesland Niedersachsen, von der niederländischen Grenze bis jenseits der Weser. Die Nordfriesen sind in Schleswig-Holstein zu Hause; im Westen des Festlands und auf den Inseln und Halligen. Zu ihnen zählt man die Helgoländer Friesen. Etwa 50.000 Menschen rechnen sich heute zu den Nordfriesen, bei insgesamt 165.000 Einwohnern im Kreis Nordfriesland. Das Autokennzeichen NF übersetzen Einheimische auch mit Neufundland – Parallelen mit der Geschichte an Kanadas „Nordsee“-Küste kann man sich aus Jux zurechtreimen.

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Sprachen an der Nordsee: Nordseegermanisch

In Anlehnung an Tacitus und Plinius hat sich heute, 2000 Jahre später, in der germanischen Sprachwissenschaft der Terminus Ingwäonisch (Karte oben) für eine Gruppe von Sprachen etabliert, die an der Nordsee verbreitet sind. Damit werden frühe Sprachstufen des Niederdeutschen (Plattdüütsch), Friesischen und Englischen bezeichnet. Alternativ wird der Begriff Nordseegermanisch verwendet. Das Englische der Briten heisst nicht umsonst Angelsächsisch – es stammt von den norddeutschen Angeln, Sachsen und Friesen, die gemeinsam nach England übergesetzt haben. Nordsee ist Nordsee. Insel ist Insel. Das hat der Römer Plinius schon so gesehen: „Eine Gegend, in der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört.“

Dänemark: Grossmacht von Grönland bis Hamburg

Wie sonst hätte das kleine Dänemark denn auch zu einer Grossmacht ausufern können? Vom Polarmeer bis in den Ostseeraum und bis nach Hamburg, bisweilen mit Norwegen, Schweden und Finnland unter seiner Fuchtel – in absoluter Land- und Seefläche so gross wie das Römische Reich. Jahrhundertelang, wenn auch mit ständigem Schwipp-Schwapp und Hin und Her; wie das Meer. Das dänische Königreich war berüchtigt als Grossmeister im Abkassieren von Steuergeldern fremder Leute.

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4_4friesen_760.jpg Auch das Herzogtum Schleswig, und damit Nordfriesland, gehörte zum dänischen Jütland, solange es unter dänischer Hoheit stand. Rund 1000 Jahre lang bis zur Übernahme der Hoheit durch den Deutschen Bund – das geschah erst im Jahr 1864 (Karten unten: Königreich Dänemark um 1850).

Leider mussten erst zwei Deutsch-Dänische Kriege geführt werden (1848-1851 sowie 1864 – also vor gerade erst 150 Jahren), bis der Deutsche Bund mit einer preußisch-österreichischen Armee unter Generalfeldmarschall Moltke das Land vom Königreich Dänemark befreien konnte und 1867 die deutsche Provinz Schleswig-Holstein gebildet hat.

Die Friesen – ebenso wie die Holsteiner – wussten immer schon sehr genau, weshalb sie mit Fremdmächten nichts am Hut haben wollten. Schliesslich gelten sie als Vordenker der Hanseaten.

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Abb. oben: Historische Dänemark-Karte – Grenzverläufe zwischen Dänemark und Deutschland

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