Gutes Rad ist teuer: Die neue Leidenschaft

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Très chic – Retro-Räder, High-Tech und Gucci-Look

Das Rad wird derzeit neu erfunden. Warum eigentlich? Schon vor 100 Jahren gab es bessere Fahrräder als die heute handelsübliche Massenware. Schon damals entstand eine Hochkultur mit handwerklich perfekten Luxusrädern und einer Vielzahl von Typenreihen. Viele Manufakturen aus dieser Pionierzeit wurden später zu Edelmarken der Autoindustrie – deren Fahrradklassiker aber rollen noch heute und sind noch immer die Vorbilder für “innovative” Neuerfindungen. Ein Essay rund ums Rad.

Die Zukunft von gestern

Wenn heute das Morgen von gestern ist, dann hat die Zukunft 150 Jahre gebraucht, bis sie endlich in der Gegenwart angekommen ist. Frei übersetzt: Würden alle Revolutionen so langsam vonstatten gehen, dann wären wir heute noch Untertanen von Kaisern und Königen – oder werden es bald wieder sein. Konkret auf das Fahrrad übersetzt: Was heute chic ist – und ästhetisch und praktisch und gesund – das gab es alles schon im vergangenen Jahrhundert. “Die Entdeckung der Langsamkeit” ist in der Tat die perfekte Metapher für die Entdeckung des Fahrrads. Die Bilder von gestern und heute sagen mehr als tausend Worte; Bilder von morgen werden nicht viel anders sein.

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Abb. oben: Rad-Vergnügen in Paris um 1900, englisches Pashley handgemacht seit 1925 – Abb. unten: Puristische Klassiker heute; das Pashley Guv’nor und das Montante-Maserati aus Italien 

Erst jetzt, rund 150 Jahre nach der Pariser Weltausstellung von 1867 – auf der das erste Fahrrad in seiner heutigen Form präsentiert wurde – haben Industrie, Handel und Politik das Rad für sich entdeckt. Die fatale Folge: Eine Konsumwelle miserabler Ramsch-Räder, grossteils billig in Fernost produziert oder zu Wucherpreisen auf Schickimicki getrimmt, schwappt derzeit über den Markt. Die Fahrtrichtung ist offenkundig: Das Jahrhundert des Automobils geht zu Ende. Die in den letzten 50 Jahren zur Volksseuche entartete Massenkultur um die heilige Kuh, das Auto, sucht dringend einen Nachfolger.

Deshalb treibt der Supermarkt nun die seltsamsten Blüten rund ums Fahrrad mit immer dreisteren Erfindungen. In Deutschland gibt es heute so viele Fahrräder wie Einwohner. Ein Milliardengeschäft. Aber: Es gibt viel mehr als nur geschmacklose Mode-Bikes vom Discounter – und viel Schöneres als immer skurrilere Sportarten auf zwei Rädern gegen zu viel Langeweile wegen zu viel Freizeit.

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Abb. oben: Radverkehr in Amsterdam und Mailand – Abb. unten: Tomii Edelstahlrahmen

Gutes Rad ist teuer: 1.000 bis 10.000 Euro – aber teuer ist relativ

Zum Glück hat sich längst auch die Pflege der alten Fahrradkultur etabliert und findet immer mehr Liebhaber – vom gepflegten Vintage-Bike bis zu spartanisch-puristischen Design-Interpretationen. Junge Schüler der Handwerkskunst lernen von alten Meistern. Nostalgie hat Zukunft. Quer durch alle Alters- und Sozialschichten. Sogar Jugendliche finden heute zurück zur Vernunft und zum gesunden Stilempfinden. Getreu der alten Weisheit: “Form follows Function” – nicht umgekehrt.

Antoine de Saint-Exupéry, der Autor des Welt-Bestsellers “Der kleine Prinz” und im Hauptberuf Pilot, hat es genauer formuliert: “Vollkommenheit entsteht nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufuegen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.” Nach diesem puristischen Dreisatz konnte Saint-Exupéry sogar Flugzeuge fliegen.

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Abb. oben: Viva Bikes aus Dänemark – zeitlose Schönheiten, an Charme und Eleganz kaum zu überbieten. Zum Stil kommt perfektes Handwerk mit filigranen Stahlrahmen

Die Rede ist von Rädern ab 1.000 Euro in der Mittelklasse, ab 3.000 Euro in der Oberklasse und ab 5.000 Euro in der absoluten Spitzenklasse. Und weit darüber hinaus. Freilich: Fahrradpreise in Tausender-Grössen sind sportlich – und gewöhungsbedürftig. Ausser für Radsport-Amateure und sportliche Globetrotter, die mit der Materie vertraut sind.

In absoluten Zahlen gerechnet ist jedes echte Luxusrad aber fast geschenkt – in jedem Fall viel billiger als jedes Auto aus der Massenproduktion. Das Automobil hat nicht nur gigantische Volksvermögen verschlungen. Jeden Otto Normalverbraucher kostet sein Heiligs Blächle samt aller Unterhaltskosten einen Grossteil seines Einkommens. Jeden Tag! Ein echtes Rad dagegen hält ein Leben lang – ohne Nebenkosten – und lässt sich in der Regel aus dem Sparschwein finanzieren. Jedenfalls hat ein Fahrrad noch niemanden ruiniert. Dagegen kann man sich für den Preis eines Luxusautos auch ein Haus an der Nordsee kaufen und zeitlebens als Vermögen verbuchen. Ein Preis ist immer relativ.

Auch im Vergleich zu tatsächlichen Luxusgütern ist jedes Luxusrad relativ billig. Wer keine Tages- und Abendmahlzeit ohne einen guten Tropfen verdrückt – wie in lateinischen Ländern zum Glück noch Tradition – der lässt jedes Jahr eine ähnliche Summe beim Weinhändler. Somit ist das Luxusrad ein Thema für alle Zeitgenossen, die sich nicht vom Glauben abbringen lassen: Dass es allemal sinnvoller ist, einen Bourgogne aus der Côte de Beaune von einem Spätburgunder aus Baden unterscheiden zu können als einen Hedgefonds von der Riester-Rente.

Echte Luxusräder sind eine Welt für sich, in der Perfektionismus, Gradlinigkeit und Kompromisslosigkeit die Prämissen sind. Das ist harte Arbeit und ehrliches Handwerk. Allein darin sind Luxusräder eine Klasse für sich. Von der Stilsicherheit klassischer Fahrrad-Manufakturen können Industrie-Designer in Autofabriken nur träumen. Was sonst in unserer Umwelt ist heutzutage noch von jener respektablen, von Eleganz und Disziplin geprägten Haltung gesegnet, die der Fahrer eines Edel-Bicycles auf offener Strasse an den Tag legt?

Nein, nicht gutes Rad ist teuer. Aber guter Rat ist teuer; weil selten. Das meint die Überschrift.

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Abb.oben: Klassische Pashleys aus England – Darunter:  Hollandräder für die Reise. Van Nicholas ist eine der führenden Manufakturen für Reiseräder; leichte Titanräder für Mittelstrecken 

Der gute Rat beginnt mit der reinen Logik: Der Preis muss begründet sein. Bei der Beurteilung sollte der Käufer über ein Grundwissen in klassischer Werkkunst und Materialkunde verfügen. Von Geometrie bis Physik, von Edelstahl bis Echtleder. Das ist nicht jedermanns Fachgebiet. Der gute Rat – mit t wie teuer – eines vertrauenswürdigen Radsportlers aus dem Bekanntenkreis ist für Laien unverzichtbar, damit aus der Lust an der neuen Leidenschaft kein Frust wird. Zwischen maßgeschneiderten Meisterwerken und neureichem Firlefanz liegen Welten – Letzterer ist in der Regel nur teuer und sinnlos.

Video oben: Qualitätsarbeit am Stahlrahmen – Respekt!

Was echte Handwerkskunst bedeutet, vermittelt dieses eindrucksvolle Video auf YouTube  – dabei zeigt der Kurzfilm nur die Feinarbeit am nackten Stahlrahmen; ohne Hunderte weiterer Einzelteile und ohne Dutzende handverlesener Extras. Das verdient Respekt! Wie alles, was echt und handgemacht ist. Ein guter Vorgeschmack auf Qualitätsarbeit.

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Abb. oben: Pashley Clubman, Tweed Ride London – Abb. unten: Brooks-Sattel seit 1866, Gucci-Bike

Luxusräder – Das Leiden hat ein Ende

Die neue Bewegung, im doppelten Sinne des Wortes, hatte ihren Anfang in wenigen Weltstädten. Mit Stadträdern und Style and the City in London und New York, mit den Klassikern in den Rad-Metropolen Amsterdam und Kopenhagen, und mit der Renaissance in den historischen Rad-Städten Paris und Mailand. Von dort haben sich edle Nostalgie-Modelle, High-Tech und Gucci-Look schnell über halb Europa und in die US-Metropolen mit intellektuell anspruchsvollerer Bürgerschaft ausgebreitet.

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Abb. oben: 100 Jahre Tortour de France – Bei allem Respekt vor der unglaublichen Leistung der Radsportler: Das Reklamespektakel der Superlative war noch nie ein wirklich faires Rennen

Vorbei die Radprofi-Parole vom Leiden: “Quäl Dich, Du Sau!”  Verschwunden diese vulgär-bunten Radsport-Trikots – die sind jetzt unter Skifahrern in Mode, den wandelnden Litfaßsäulen im Schnee. Vergessen das Arme-Leute-Bild vom klapprigen Drahtesel. Das Leiden hat ein Ende. Die neue Leidenschaft ist “très chic”. Sogar das neudeutsche Bike wird salonfähig; weil historisch korrekt: Das altenglische Bicycle kommt aus dem französischen “le vélocipède bicycle” (auf gut deutsch: “der zweirädrige Schnellfuss”), heute Bicyclette oder schweizerisch Vélo, spanisch und italienisch Biciclet(t)a, kurz Bici und Cicli. Schon bei der Namensgebung war man sich einiger als beim Auto.

Seit der Erfindung des Fahrrads und der Pariser Weltausstellung 1867 hat man heute erstmals die Qual der Wahl: Zunächst zwischen der stilvollen Luxus-Nostalgie aus England und der komfortablen High-Tech-Mechanik aus Deutschland. Dazwischen ein breites Spektrum für jede Weltanschauung: Von dem feinen Design aus Italien und Dänemark, mit klassischem Handwerk veredelt, bis zu den ewig jungen Omarädern (Omafiets) aus Holland und den Hochleistungsrädern für Globetrotter – die erleben eine Blütezeit in allen klassischen Fahrradländern; jetzt auch wieder in den USA. Das sind die markantesten Unterschiede zwischen den traditionellen Fahrrad-Philosophien.

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Abb. oben: Raleigh, ein Bike wie ein Bentley – Abb. unten: Bakfiets in Amsterdam, Pashley England

Oft nur Marketing statt Meisterwerk

Alles, was Stil hat, sollte eigentlich ein Beweis traditioneller Handwerkskunst sein und ein Leben lang halten. Vorausgesetzt, die schönen Räder stammen tatsächlich aus einer Meisterwerkstatt im alten Europa oder den alten USA und sind aus edelsten Materialien gefertigt. Deshalb ist von Importen eindringlich abzuraten: Massenproduktionen aus Fernost überschwemmen den Markt mit schlechten Kopien – im Auftrag europäischer Grosshändler, oft unter der namhaften “Marke” eines historischen Fahrradbauers aus den Geschichtsbüchern. Retro ist dabei nur der Look in aufgehübschten Katalogen. Wo eine Marke draufsteht, ist nicht immer eine Marke drin. Daraus ergibt sich der oberste Grundsatz beim Fahrradkauf: Der Hersteller – und nicht der Vermarkter – ist ebenso wichtig wie der Stil.

Die echten Sammlerstücke sind immer handgemacht – handmade, bespoken, fatte a mano. Wie ein Maßanzug; dem Fahrer auf den Körper geschneidert, seinen Gewohnheiten und seiner Haltung angepasst, nach seiner persönlichen Nutzung ausbalanciert. Bei der Auswahl Dutzender Einzelteile müssen erstklassige Räder immer flexibel sein – vom Sattel bis zum Pedal, von der Federung bis zur Farbe. Kultur eben. Nicht Konsum von der Stange oder vom Lifestyle-Händler.

Pecunia non olet – Geld stinkt nicht

Massenware, ob billig oder teuer, ist eine typische Folge der Umverteilung von unten nach oben; vom mittelständischen Fabrikanten zur globalen Finanzindustrie. Haben private Familienunternehmen sich bislang mit traditioneller Qualität behauptet, so bestehen neue (Mit-)Eigentümer aus dem Geldgewerbe ausschliesslich auf schnelle und hohe Kapitalrendite. Ob die mit Edelgütern oder mit Schrotthandel erzielt wird, ist Bilanzbuchhaltern egal. Geld stinkt nicht. Hauptsache, die Betriebsgewinne werden planmässig ausgelutscht und die Spekulation geht auf. Planwirtschaft und Finanzkapitalismus – das ist der selbe Köter mit zwei verschiedenen Halsbändern.

Die Wahnidee von Wachstum und Produktivität hat sich im wiedererwachten Fahrradmarkt längst breitgemacht. Für gestandene Unternehmer, die sich zum Sklaven ihrer Finanzpartner machen, ist eine solche Firmenpolitik ebenso kurzsichtig wie lebensgefährlich. Die wahren Opfer aber sind die Kunden. Deshalb ein Tipp für Fahrradkäufer: Man recherchiere sorgfältig, wer beim Fahrrad-Lieferanten das Sagen hat. Ist das ein Finanzinvestor, dann lasse man die Finger davon. Dieser Tipp gilt freilich nicht nur für den Fahrradkauf, sondern für den Kauf vermeintlicher Qualitätsgüter aller Art.

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Abb. oben: Pionierzeit in London – Abb. unten: Detroit Bicycle Co. USA, Cykelmageren Dänemark

Die Abzocker – Neues Spielfeld für Politiker, Pfuscher und Preiswucher

Die neue Lust an der (noch) unregulierten Freiheit an der frischen Luft wird nur von den ebenso neuen Preisen übertroffen. Wie eingangs schon erwähnt: Die Mittelklasse fängt heute bei 1.000 Euro an, die Oberklasse bei 3.000 Euro. Die Spitzenklasse beginnt bei etwa 5.000 Euro und kann die 10.000-Marke überschreiten – das sind die Freiluft-Limousinen und Sportwagen unter den Fahrrädern; die perfekten Reiseräder für Langstrecken und die Tourenräder für sportliche Alleingänge. Für dieses Geld gibt es schon einen neuen Kleinwagen oder ein gutes Zweiter-Hand-Auto mit Wohnzimmer-Komfort.

Die Perfektion ist den Preis wert, daran besteht kein Zweifel. Unter erfahrenen Rad-Experten aber werden Adressen gehandelt, die das Vergnügen auch billiger machen. Zum Beispiel baut die kleine, unter Kennern aber weltweit bekannte Mailänder Meisterwerkstatt Orco Cicli ihre Eigenmarke im feinen Stil der 30er Jahre; Stück für Stück handgemacht, nur auf Bestellung und nach Maß.

Bei Orco Cicli dürfen die Kunden sogar in die Werkstatt kommen und bei der Montage ihrer neuen Errungenschaft selber Hand anlegen. Daneben restaurieren die Mailänder Handwerker noch Original-Vintage-Klassiker und stellen die guten Stücke zur Versteigerung ins Internet; oft billiger als ein China-Rad im Baumarkt. Ein Beweis dafür, dass es auch anders geht. Die Produktionskosten neuer Rostlauben aus Fernost-Importen sind dagegen hinlänglich bekannt – die hohe Marge ist Profitgier.

Und obendrein geplanter Verschleiss – Murks, gebaut für die Müllkippe. Wie bei der Massenfertigung von Haushaltsgeräten und Computern längst offensichtlich: Kaum ist die kurze Garantiezeit abgelaufen, hat das Produkt sein “Verfallsdatum” erreicht. Ein Fahrrad ist jedoch ein mechanisches Gerät und so sollte es immer bleiben. Nur so hält ein Meisterstück wortwörtlich ein Leben lang – wie die Klassiker beweisen. Kurzlebigem Murks muss man also betrügerische Absicht unterstellen. Oder bestenfalls Discounter-Pfusch.

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Abb. oben: In England und USA um 1900 – Abb. unten: iNBiCLA handmade in Portugal

Der nächste Preisschock wird sicher bald von der Politik erfunden: Fahrradsteuer, Zulassungssteuer, Strassenverkehrssteuer, Parkgebühren, Versicherungspflicht, TÜV-Kontrolle, Helmpflicht, Knieschutz, Warnweste, Nummernschild, Radweg-Umlage, Verkehrssünderkartei und Bußgeldkatalog…?

Wie wär’s mit einer “Frischluftsteuer” – oder was die Phantasie unserer Kleptokraten sonst noch alles hergibt? Kommt das Auto aus der Mode, muss das Loch in der Steuerkasse ja wieder gestopft werden. Natürlich alles unter dem legalen Vorwand des Gemeinwohls, der Nächstenliebe, der Seelsorge, der Verantwortung für die “Bürgerinnen und Bürger in diesem unserem Lande” – und nicht etwa zum Wohl der Konzernlobbys und der Beamtenstaaten auf diesem Planeten. Die Posten- und Pfründe-Wirtschaft wird versuchen, ihre lange und bestens eingespielte “Erfahrung” aus der Autowelt eins-zu-eins in die neue Radwelt zu übertragen. Soviel gutes Abzockergeld lassen Steuereintreiber nicht einfach auf der Strasse liegen.

Bis das soweit ist – weil sich Millionen Bürger wieder zu spät dagegen wehren – sollte man sich den schöneren Seiten des Lebens widmen. Der Befreiung von der Autoseuche, der neuen Leidenschaft, der Nostalgie aus vergnüglichen Kindertagen: Dem schicken Fahrrad, das – leicht und aufzugtauglich – bereits als Kultobjekt seinen festen Platz in Stadtwohnungen gefunden hat. Für eine triste Autogarage sind die guten Stücke viel zu schade!

In deutschen Massenmedien nerven Korinthenkacker

Beim Thema Fahrrad pflegt die deutsche Presse wie gewohnt Hysterie statt die Kunst der Gelassenheit. Deutschland ist wohl das einzige Land auf der Welt, in dem das gute alte Fahrrad auf den “Auto-Seiten” stattfindet; seziert von technikversessenen Erbsenzählern: Von Auto-Redakteuren, die sich nicht selten als Wissenschaftsredakteure präsentieren.

Entsprechend nerven die Themen rund ums Zweirad: Winterreifen, Warnanlagen, Windkanal-Test, Crash-Test, Unfallrisiken, Antriebstechnik, Elektronik-Spielerein, Zubehör, Messe-Trends, Verkehrsforschung, Strassen-Rowdys, ja sogar Leasing für Firmenräder, statt Dienstwagen, mit säuberlich berechneten Steuersparmodellen und Versicherungsoptionen.

Das alles sind konkrete Beispiele aus dem deutschen Nachrichtenmagazin, das sich “Der Spiegel” nennt. Der Spiegel von was? Wie eine Realsatire liest sich dort eine Art Kinder-Fahrschule für Zwei- bis Zehnjährige: Von einem halben Dutzend altersbedingter Reifengrössen ist da die Rede, von Lichtmaschinen und Schaltungen mit 24 Gängen. Da fragt man sich, wie Kinder vor 50 Jahren wohl das Radfahren gelernt haben und trotz klappriger Nachkriegsgestelle auch noch Spaß daran haben konnten. Abwegig – das Fahrrad als Auto-Ersatzdroge. So wird das nie etwas mit der Normalität auf deutschen Strassen.

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Abb. oben: In Kopenhagen ist ein Radler ein Fussgänger und ein Rad ein “Fusswerkzeug”. Schliesslich braucht man auch für ein “Handwerkzeug” keinen Führerschein. Nach dem politischen Dreisatz preussischer Pickelhauben aber müsste es eine “Helmpflicht” auch für Fussgänger geben

Kopenhagen – Radeln unter ganz normalen Menschen

Neben Amsterdam ist Kopenhagen seit jeher eine Fahrrad-Hauptstadt, in der Radeln so normal ist wie Zufussgehen. Im Sommer und im Winter. Konkret im langen skandinavischen Winter mit Minusgraden bei Schnee und Eisglätte. Holland und Dänemark sollten Pflichtbesuche für deutsche “Auto-Redakteure” sein, damit Leser hierzulande vom Technik-Firlefanz verschont bleiben. Wo deutsche Redaktionen an Reisekosten sparen und stattgessen Hofberichterstattung für Reklamekunden betreiben, gewährt das Internet einen bunten Einblick in die Realität: www.copenhagencyclechic.com

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Abb. oben: Copenhagen Cycle Chic gewährt deutschen “Auto-Redakteuren” einen Einblick in die Realität der Fahrradwelt, nur wenige Radreise-Kilometer jenseits der Glaubensgrenze heimischer Technik- und Strassenverkehrsordnungs-Fetischisten

Wanderer seit 100 Jahren – Sammlerstücke einer Hochkultur

Die Abbildungen vermitteln einen Überblick über eine Hochkultur. Ausgewählt aus den schönsten Blogs rund ums Rad (Links siehe unten). Weltweit leben die Retro- oder Vintage-Marken mit rund 100-jähriger Geschichte wieder auf. In den 1920er und 1930er Jahren entstanden allein in England Tausende kleiner Fahrrad-Manufakturen. Aus den Grossen der Branche wurden bald namhafte Automarken; zum Beispiel Triumpf und Rover.

Ebenso erlebten Frankreich und Italien eine frühe Kultur im Fahrradbau. Italiens Edelschmieden sind heute wieder die Avantgarde in Form und Handwerk. Die USA, ebenfalls ein Klassiker im Fahrradmarkt, übernahmen das Beste aus dem alten Europa und entwickelten die Erfindung fleissig weiter; zum Beispiel ein riesiges Überland-Rad für den Wilden Westen Kaliforniens – Fahrrad statt Pferd.

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Abb. oben: Bella Italia – Miss Italia 1949 mit der Traditionsmarke Umberto Dei, der Giro 1946. Neue Räder alter Fabrikate: Montante und Cicli Blume 

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Abb. oben: Umberto Dei aus Monza, Italien – stilecht seit 1890 bis heute  

Das Hollandrad – Ikone mit Charakter

Holland zählt zu den Radpionieren und ist Namensgeber einer grossen Gattung: Das robuste Hollandrad wird charakterstark in aufrechter Haltung gefahren; so behält man den Überblick in vollen Strassen. Die Gelassenheit der Radfahrer und die liberale Verkehrspolitik der Niederlande sind anderen Ländern noch immer um Jahrzehnte voraus. Zwei Räder unterm Hintern sind nichts anderes als zwei schnelle Füsse – eher Fussgänger als ein sperriges Auto mit lebensgefährlicher PS-Stärke.

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Abb. oben: Das Old Dutch von Batavus im Musterland Holland – Radfahrer in Amsterdam

Die Niederländer pflegen einen entspannten Umgang mit dem Fahrrad. Hier fahren Minister ganz selbstverständlich mit dem Rad ins Büro. Bei Wind und Wetter! Während deutsche Politiker auf den Radverkehr hysterisch reagieren. Vorneweg Verkehrsminister Ramsauer mit seinem Geschwätz über “Kampfradler”. In Leipzig wird eine kommunale “Fahrradsteuer” gefordert und die Polizeigewerkschaft jammert über “Radfahrer, die Regeln des Straßenverkehrs missachten.” Solche Politiker sind nur noch peinlich – und sollten Ferien in Holland machen. Das Unfallrisiko ist für Radler in den Niederlanden so gering wie sonst nirgendwo auf der Welt. Mehr über die Gelassenheit der Niederländer in diesem weltoffenen Blog: www.amsterdamize.com

Typisch deutsch – aus der Autoseuche nichts dazugelernt

In Deutschland wurden schon um 1900 erstklassige Marken entwickelt, die rund ein halbes Jahrhundert lang Bestand hatten. Wenn auch eher in muskulösem Design; wie bei Opel, NSU, Adler, Dürkopp, Hercules, Victoria, Diamant und Wanderer. Die deutschen Panther-Räder waren wegen ihrer Langlebigkeit sogar in Afrika, Indonesien und den USA gefragt. Fast alle historischen Fahrradwerke produzierten zugleich auch Nähmaschinen und Büromaschinen, sodann Motorräder und Automobile. Fahrräder sind ein fester Bestandteil der Industriegeschichte. In Deutschland begann das Ende der Fahrradkultur mit dem Anfang des Wirtschaftswunders – da war das Rad nicht mehr modern genug.

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Abb. oben: Wanderer-Fahrrad von 1935, Lizenz-Marke heute – Wanderer-Autos 1930er Jahre.

Das alte Wanderer-Werk war eine Edelschmiede, wenn auch typisch deutsch: Dipl.-Ing. statt Design. Das durchschnittliche Markenrad aus deutschen Landen ist klobig. “Quadratisch. Praktisch. Gut.” – von Stil keine Spur. Typisch deutsch ist auch das neue Marken-Marketing: An manchen Rädern kleben bis zu 100 verschiedene Hersteller-Etiketten; vom Fahrradständer- bis zum Luftpumpen-Lieferanten. Eine Anbiederung, so scheusslich wie plump.

Dass der Klassiker Wanderer in ferner Zukunft einmal zur Epoche des Radwanderns passen würde, das hätten sich die Gründer der Chemnitzer Veloziped-Fabrik im Jahr 1885 wohl nicht gedacht. Wohl aber wurde das legendäre Wanderer-Werk bald zum Auto-Konkurrenten des feinen Daimler-Benz.

Auf der Basis solcher Klassiker aus allen Ländern entwickeln alte Handwerker und junge Designer heute neue Kreationen. Eine Kulturpflege, die von Kennern über ein volles Jahrhundert gerettet wurde.

Schwinn Chicago seit 1895 – Ein Klassiker wie ein Strassenkreuzer

Beim Stichwort USA denkt man an eher an Strassenkreuzer, aber kaum an Fahrräder. Weit gefehlt! Die USA sind eine klassische Fahrrad-Nation. Und die älteste und grösste US-Fahrradmarke Schwinn erscheint traditionell im Look chrom-glänzender Strassenkreuzer.

The Schwinn Bicycle Company wurde von einem deutschen Einwanderer gegründert: Schon 1895 vom Ingenieur Ignaz Schwinn (1860–1945) in Chicago. Schwinn war ein ganzes Jahrhundert lang die führende amerikanische Fahrradfabrik. Jedes Kind hat sich ein Schwinn zum Geburtstag oder vom Weihnachtsmann gewünscht.

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Abb. oben: Schwinn Bicycles im chrom-glänzenden Strassenkreuzer-Look. 100 Jahre lang die grösste US-Fahrradmarke, heute ein Kultobjekt für nostalgische Sammler

Bezeichnend für Schwinns Auto-Look sind seine alten Modellnamen: AutoCycle, Motorbike, Cadillac, Corvette, Phantom, etc. Heute Nostalgie pur. Immer ein beliebtes Gesprächsthema, immer ein Beispiel für Fine American Engineering und für Material- und Handwerksqualität, wie es sie heute bei grossen Serien nicht mehr gibt. Die uralten Schwinns sind begehrte Sammelstücke und werden wie Oldtimer-Autos originalgetreu restauriert. Heute gehört die Marke zu einem Handelskonzern, der zwar mit den Geschichtsbüchern der ehemaligen Schwinn-Fabrik hausiert, die Räder aber aus China importiert. Eine Kulturschande, die in der Branche leider Schule macht.

Gucci, Hermès & Co. – Schnapsidee aus Champagnerlaune

Die Idee mag ja gut gemeint sein: Bike and the City verleiht dem Beinevertreten eine sportliche Note. Wo sonst könnte eine schöne Frau aus besseren Kreisen so ganz natürlich den Knackarsch und die schlanken Beinchen zeigen? Wirklich sexy. Ob es noch einen weiteren Grund gibt, ein Fahrrad in den teuersten Mode-Boutquen der Welt zu kaufen, ist bis dato nicht überliefert.

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Abb. oben: Muss das sein? Man mag Coco Chanels perfekten Schnitt lieben und Hermès’ seidenweiches Tuch – aber Fahrräder aus den teuersten Mode-Boutiquen der Welt? In welchen Kleiderschrank sollen die passen? Und wie passt Kettenöl zu Chanel Nº5 im Seidenhemdchen?

Vielleicht sollte Madame zusätzlich zum Baby-Sitter und zum Dog-Sitter nun auch einen Bike-Sitter engagieren, damit das gute Stück mal Gassi fährt. Auch ganz praktisch wäre ein scharfer Dobermann, der brav nebenherläuft und beim Parken auf die schmucke Klunker aufpasst.

Moynat: Das teuerste Fahrrad der Welt – ab 25.000 Euro 

Wenn schon Luxus, dann aber richtig! Das muss sich die edelste Koffer-Manufaktur der Welt überlegt haben: Moynat in Paris baut seit 1849 die wertvollsten Reisekoffer mitsamt kostbarem Innenleben – noch heute im Stil der Kolonialzeit, als die Ozeane noch per Luxusdampfer überquert wurden.

Jetzt gibt es bei Moynat auch ein Fahrrad mit Koffer. Besser gesagt: Einen Koffer mit Fahrrad – den Moynat Malle Bicyclette; auf englisch Moynat Bicycle Trunk. Das ist ein Gourmet-Picnic-Koffer samt Inneneinrichtung und “Küche” vom Allerfeinsten. Montiert auf einem nicht minder feinen Rad von Abici, der traditionsreichen Manufaktur aus Italien. Koffer und Rad werden nach Maß in bis zu 12 Monaten per Hand gefertigt. Kein Wunder, dass die Preise in US-Dollar – ab $32,000 – ausgezeichnet sind; wer weiss schon, ob es den €uro in 12 Monaten noch geben wird? 

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Abb. oben: Mit dem Moynat in die Pariser Oper oder zum Gourmet-Picnic an das Seine-Ufer 

Die Traditionsmarke Moynat mit den historischen Werkstätten im Stil eines Juwelierladens wurde kürzlich von Bernard Arnault übernommen, dem Chef der Pariser Luxusgruppe LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), der als reichster Mann in Frankreich und zehntreichster Mensch der Welt gilt. Einzelheiten über das teuerste Fahrrad der Welt liefert die Webseite von Moynat.

Lastesel – Renaissance des Cargo Bikes

In Holland haben die stabilen Bakfiets Tradition – wörtlich “Bäckerräder” mit grossen Gepäckträgern vorne und hinten – und sind dort längst zu wendigen Dreirädern weiterentwickelt worden. Schnell, geräumig, für rund 100 Kilo Traglast. In Dänemark ersetzen die Christiania-Dreiräder seit 30 Jahren den Familien-Van und Lieferwagen. In den notorisch zugeparkten Innenstädten von Amsterdam und Kopenhagen chauffiert man damit die Kinder in die Kita und die Freundin ins Kino. Das Schubkarren-Prinzip bewährt sich sogar bei der Radpartie ins Wochenende. Die Kinder haben Platz und ihre helle Freude am Fahren. Cargo Bikes gibt es wahlweise zum Treten oder mit elektrischer Unterstützung.

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Abb. oben: Holländische Bakfiets fahren Wertvolles; Rotweinkisten und Kinder – Abb. unten: Ein Kangaroo aus Dänemark und ein niederländisches Dreirad von Johnny Loco

City-Leihräder mit Navi – Kopenhagen fährt der Welt voraus

Die neuen Stadträder haben einen grossen Tablet-PC am Lenker. Kopenhagens Citybike-System hängt alle anderen Städte ab und setzt neue Standards für den urbanen Verkehr. Das seit 1995 bestehende stadteigene Kopenhagener Verleih-System Bycyklen – kostenlos und werbefinanziert – wird 2013 durch ein modernes System der 4. Generation ersetzt und geht mit vorerst 1250 Rädern in Betrieb. Der neue Name: GoBike. Die Alu-Räder der spanischen Firma Urbikes sollen zuverlässiger und komfortabeler sein. Auf einen Kettenantrieb wurde verzichtet, stattdessen ein Kardanantrieb verbaut.

Jedes Leihrad ist dann mit einem Tablet-Computer ausgestatt. Die Verbindung mit Internet und GPS-Navi kann unter anderem die gewünschte Fahrtroute anzeigen. Am Bildschirm wird ein Routenplaner den Weg weisen; die Karte bietet zusätzliche Informationen zur Umgebung und möglichen Aktivitäten bis hin zu Restaurant-Tipps. In den Verleih-Stationen wartet das Rad nicht nur auf den nächsten Nutzer; die Akkus der Computer tanken hier auch den Strom.

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Abb. oben: Öffentliche City-Leihräder von Vélib in Paris und GoBike in Kopenhagen

Neben Kopenhagen ist Paris beispielhaft für das Citybike-System. In Paris wurde Vélib erst 2007 in Betrieb genommen – sein Name ist aus Fahrrad (vélo) und Freiheit (liberté) zusammengesetzt. Das System umfasst heute über 20.000 Fahrräder in Paris und im Umland. Weitere grosse Bike Sharing Systems sind in London in Betrieb und in New York geplant. In Barcelona werden die öffentlichen Räder aus den Parkgebühren der Autofahrer finanziert. In Hangzhou, China, steht das weltweit grösste System mit etwa 60.000 Fahrrädern.

Elektrorad – Langstrecke auf die ruhige Tour

Mit 1000 Watt von Hamburg entlang der Nordsee bis nach Dänemark oder Holland. Oder tagelang durch Fluss-, Seen- und Kulturlandschaften. Das ist heute eine Landpartie per Lack-und-Leder-Rad wie vor 100 Jahren per Automobil. Auf dem Elektrorad oder E-Bike pedaliert es sich bequem. Sogar im feinen Retro-Look. Die Kraft kommt aus der Steckdose. Die Neuheit ist womöglich komfortabler und schneller als so manches Auto in den 1920er Jahren. Und obendrein sportlich. Der Erfolg ist beeindruckend: Etwa
400.000 Elektroräder werden pro Jahr allein in Deutschland verkauft.

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Abb. oben: Elektrorad in Paris. Die deutschen Victoria-Werke bauen Fahrräder und Motorräder seit 1855, heute E-Bikes – Abb. unten: Kettler ist einer der Weltmarktführer für E-Bikes 

EU-Parlament: “Pedelecs sind Motorräder”

Wie längst zu befürchten war, haben Brüsseler EU-Apparatschiks jetzt das E-Bike entdeckt, diktieren bereits Regulierungen zum Nutzen der Kartell- und Geldgewerbe-Lobbys und bevormunden erwachsene Bürger in deren Privatleben. Den Anfang macht eine neue Führerschein- und Versicherungspflicht für Pedelecs – das sind Elektrofahrräder, die eine Geschwindigkeit bis zu 45 km/h erreichen. Der Name Pedelec leitet sich von der Tatsache ab, dass sich ein elektrischer Motor einschaltet, wenn der Radler zusätzlich in die Pedale tritt.

So hat das sogenannte EU-Parlamentdas über die eigene EU-Regierung zwar keine Macht hat, stattdessen aber über 500 Millionen fremde Bürger – Ende 2012 beschlossen: Fahrräder mit Elektromotor über 250 Watt und über 25 km/h benötigen ein Versicherungskennzeichen und mindestens eine Mofa-Prüfbescheinigung. Weitere Zahlungspflichten im Interesse der “Wirtschaft” sind zu erwarten.

In 150 Tagen um die Nordsee – 9.000 Km durch neun Länder

So spannend kann Nordeuropa für Globetrotter sein: Rund um die Nordsee in 150 Tagen oder auch ein ganzes Jahr lang. Das Abenteuer ist nichts für Anfänger und hat einen Namen: Der Nordsee-Radweg – offiziell “North Sea Cycle Route” – der längste durchgehend ausgeschilderte Radweg der Welt. Nordsee Magazin wird Reportagen darüber veröffentlichen. Von Brest in Frankreich bis Bergen in Norwegen, von Hamburg im Osten bis Edinburgh im Westen. Das sind keine Spazierfahrten; eher eine Herausforderung für durchtrainierte Entdecker weitgehend “unbekannter” Welten – mitten in Europa.

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Abb. oben: Die grosse “North Sea Cycle Route” führt durch neun Länder entlang der Nordseeküste – Reiseräder für Abenteurer: Ein Soma aus San Francisco und ein Peugeot-Rad aus Frankreich 

Von einem, der davonfuhr, um da anzukommen wo er losgefahren war: Start in Hamburg. Über die Niederlande (Amsterdam!) und Belgien bis zur Normandie und Bretagne in Frankreich. Weiter nach England mit Stopover in London. Hoch nach Schottland (Edinburgh!) und den Shetland-Inseln. Hinüber nach Norwegen. Schwedens Westküste passieren und durch Dänemark (Kopenhagen!) zurück nach Deutschland, um in Hamburg wieder anzukommen. Ein starkes Stück für einen Reisetourer: Das ist ein Reiserad oder Touring Bicycle, nicht zu verwechseln mit einem Tourenrad für Schönwetter-Spritztouren.

Ein Beispiel, wie das Abenteuer beginnen kann: Zwei Schweizer haben sich auf den Weg gemacht – auf Merian.de geben sie eine wertvolle Empfehlung für Mutige: “Wichtig ist, sich keinen fixen Zeitplan zu stecken. Es macht keinen Sinn, die komplette Tour von A bis Z genau vorauszuplanen. Am besten ist, flexibel zu bleiben und auf die Gegebenheiten vor Ort zu reagieren.” 

Mehr aus dem Tagebuch der Drei-Monate-Tour dieser erfahrenen Schweizer Radreise-Kenner im Artikel über die Nordsee-Rundfahrt. Eine ernüchterne Pflichtlektüre für potenzielle Weltenbummler – und eine Warnung an Romantiker!

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Abb. oben: Bahn & Bike – das eigene Rad im Reisegepäck; in Deutschland und ganz Europa

Mit der Bahn ans Ziel – das eigene Fahrrad im Bahngepäck

Eine uralte Bequemlichkeit, die sich aber kaum herumgesprochen hat. In fast allen Zügen – in ganz Europa – kann das Fahrrad als Bahngepäck mitfahren. Für sehr kleines Geld; im Nahverkehr, im Regionalverkehr und auf Fernstrecken sogar im Rad-Abteil des Intercity. Das eigene Rad mitnehmen in die Ferien oder am Wochenende mit der Bahn aufs Land fahren und dort mit dem Rad über die Dörfer. Weil: Leihräder sind für den Stadtverkehr eine gute Lösung – für private Überland-Touren aber ein technisches Abenteuer, auf das man verzichten sollte. Ein Reiserad muss maßgeschneidert sein. Bei der Deutschen Bahn heisst das Gepäckangebot Bahn & Bike.

Hamburg – Drehscheibe für Nordsee-Touren in Deutschland

Der deutsche Teil des Nordseeküsten-Radwegs hat eine Länge von 900 Kilometern. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Möglichkeiten. Besonders reizvoll ist die Flusslandschaft Maritime Unterelbe vor den Toren der Weltstadt – die landschaftlich und kulturell vielfältige Region von Hamburg bis hinunter zur Elbemündung. Ideal für langsame Geniesser-Touren. Nördlich von Hamburg bietet Schleswig-Holstein überraschend urige Radwanderungen für Naturliebhaber: Zum Beispiel den Ochsenweg von Hamburg nach Dänemark oder den Eider-Treene-Sorge-Weg durch eine romantische Flusslandschaft mit uralten Bauerndörfern. Berichte darüber erscheinen im Nordsee Magazin.

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Abb. oben: Ein Pashley-Tourer und ein Picnic-Lederkoffer von Moyant Paris – Die Unterelbe für Radwanderungen ab Hamburg. Husum als ideale Drehscheibe in Schleswig-Holstein

Nordsee-Radreisen in Schleswig-Holstein

Husum, die bunte Stadt am Meer, ist ein gutes Basislager für ganz private Radwanderungen. Die Betonung liegt auf ganz privat – das Gegenteil von organisierten Pauschalreisen mit verzichtbarem Familienanschluss an Touristen und Kegelklub-Klamauk. Von dem freundlichen Hafenstädtchen erreicht man das grosse Strandparadies Sankt Peter-Ording über Land, die Insel Sylt per Zug und viele Inseln per Fähre, das nahe Dänemark oder quer durchs Binnenland die Ostseeküste. Für den Fall der Fälle gibt es in Husum die alteingesessene Fachwerkstatt Georg C. Hansen mit allem Fahrrad-Zubehör.

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Abb. oben: Maritime Unterelbe in Blakenese (1827) – Gemütliche Flusslandschaft vor Hamburg

Beim Radwandern ist Schnelligkeit reine Verschwendung, besonders für die Sinnesorgane. Radtouren heisst: Die Natur sehen, fühlen, hören, riechen und schmecken. Mit allen Sinnen. Wer die schönsten Momente im Leben geniessen will, der sollte sich viel Zeit dafür nehmen – gerade im Privatleben, gerade in der Freizeit. Denn spannend wird es erst dann, wenn es langsam geht.

Freizeit und Auszeit ist vor allem ein Recht auf Faulheit. “Eine gewisse Anzahl von Müßiggängern ist notwendig zur Entwicklung einer höheren Kultur” (Miguel de Unamuno, spanischer Philosoph).

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Abb. oben: Tweed Rides – Die Nostalgie wird rund um den Globus gefeiert

Tweed Rides – weltweit mit Dress Code

Da gerät sogar der konservative Londoner “Telegraph” ins Schwärmen, der genauso alt ist wie das Fahrrad: “If you’re part of the bicycle revolution taking over London, and have a penchant for tweed, then grab your bike and head down to the Rugby Ralph Lauren store in Covent Garden to join their first London ‘Tweed Run’. Founded in 2009, the Tweed Run is an extremely stylish 12-mile bike ride through the city in which all the participants dress up in – you guessed it – tweed. The star of the show is set to be the official Tweed Run bike by Pashley Cycles, England’s longest established bicycle manufacturer. One of these limited edition Pashley bikes will be raffled on the morning of the Tweed Run.”

Was erst im Jahr 2009 zufällig als Werbegag für die London-Filiale der feinen US-Schneidermarke Ralph Lauren begann, ist blitzartig rund um den Globus zu einem gesellschaftlichen Ereignis geworden: Tweed Rides – Radkenner-Treffen mit Retro Bikes und Dress Code im Country Style, natürlich vor allem in Tweed.

Nach dem überraschenden Erfolg in London wurden die stilvollen Oldtimer-Fahrten spontan auch von elitären Klub-Zirkeln in New York, Boston und Philadelphia veranstaltet, sodann in Italien und Frankreich, in Australien, Japan und wieder zurück in Kanada. Zunächst in den grossen Metropolen, dann in den Country Clubs und sogar in der tiefsten Provinz; auch wenn die schönen Feierlichkeiten dort eher ein Anachronismus sind – schliesslich haben die guten Stücke genau da ein Jahrhundert lang überlebt. Nostalgie und Echtheit sind wohl weltweit ein gesundes Anliegen.

Links zum Stöbern – Ride Here Ride Now

Die folgenden Links sind eine Auswahl von Bike-Blogs aus aller Welt und allen Weltanschauungen. Spannend für Amateure und genüsslich für Kenner. Die Reihenfolge ist kunterbunt und ohne Wertung. Viel Vergnügen beim Stöbern in der neuen alten Fahrradwelt:

Elitism, die Weltelite der Fahrradlieferanten, eine Fundgrube für Schatzsucher

Orco Cicli für Liebhaber der Handwerkskunst;  Retro nach Maß zu fairen Preisen

Amsterdamize, schönes holländisches Szene-Magazin; sympathisch und weltoffen

The Guardian Bike Blog gilt als Kurator der britischen Bike-Kultur

– Velotraum, eine mustergültige Hersteller-Website – der Kunde ist König

Cycle Chic, eines der buntesten Blogs mit Filialen in 60 Ländern und Städten

Ecovelo, Bike-Genuss pur aus den USA

The Tweed Rides, der internationale Kalender von Riding Pretty

The Brooks Blog, alles rund ums Rad vom englischen Sattelmacher seit 1866

Lovely Bicycle, ein feines und komplettes US-Blog, jung aber kompetent

Off The Beaten Path, ein US-Blog aus Seattle für Fortgeschrittene und Kenner

Fahrradjournal, ein deutsches Online-Feuilleton mit Stil und Know-how

The Washingmachine Post, ehrliches Blog für hartgesottene Profis und Amateure

Stahlrahmen Bikes, Technik in Edelstahl für Puristen der feinen englischen Art

Old Bike, Online-Museum für Sammler und Restaurierer

Biciclette Decadence, ein Blog aus Italien für Liebhaber und Sammler

Bullitt Berliner Cargo Bike, Pilotprojekt vom Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Cycling Cartoons by Dave Walker; die neumodische Radwelt für Einsteiger

Videos auf YouTube, grosses Programm rund ums Rad

Fotos
Aufmacherfoto oben: Cicli Blume di Pietro e Nico Battistello, Pressestelle, Verona, Italia
Weitere Abbildungen: Pressefotos/Pressemappen der Herstellerfirmen oder, sofern nicht namentlich genannt, besteht Creative Commons License (CC) oder Public Domain (PD) oder sonstiges Copyright/Copyleft laut rechtlichem Hinweis in Website Information nach EU-Richtlinie 2000/31/EG.

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