Kinder haben ein Recht auf Schrammen!

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Psychologie – Riskantes Spielen

Die Hosen haben Löcher, die Beine blaue Flecken. Kinder wollen und sollen nicht ständig beschützt werden. Sie müssen im Spiel immer wieder Wagnisse eingehen, um sich psychisch und körperlich gesund zu entwickeln. Das klappt am besten in freier Natur; eine Gelegenheit dazu bieten die Ferien. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder nicht in Watte packen. Nur Mut!

„Leben heißt nicht atmen, sondern handeln“ (Rousseau)

Von „Gehirn & Geist“-Autorin* Verena Ahne

Hoch oben im Kirschbaum sitzt er, Vincent, ein Lächeln im Gesicht, und summt. Es hat ihn einige Mühe gekostet, dorthin zu gelangen: Zuerst über den schräg hängenden Stamm balancierend, bis der zu steil wurde, dann einen Moment der Angst überwindend, das Zögern, das „Kann-ich-nicht“. Schließlich beherzt das letzte Stück steigend bis zum herrlichen Ausguck in luftiger Höhe, wo er zufrieden und eins mit sich selbst verweilt. Wie fast alle seine Altersgenossen liebt mein Sohn, jetzt fünfeinhalb, das Klettern. Wo Bäume fehlen, turnt er auf Spielgeräten, Boulderwänden oder Schränken, hinauf, immer hinauf. Oder hinunter – Sprünge übt er seit Jahren: vom Fels ins Gras, von der Mauer auf Asphalt oder die Treppe hinab, zwei Stufen, drei, inzwischen fünf, die Hosen haben Löcher, die Beine blaue Flecken.

Wer viel mit Kindern zu tun hat, weiß, wie sehr sie solchen Nervenkitzel lieben, den Wonneschauer der Gefahr, die Höhe, die Geschwindigkeit, das Kreiseln, Schaukeln, Hängen, Balancieren. Im Spiel mit Wagnis und selbstgewähltem Risiko, erklären Entwicklungsforscher, loten Kinder Grenzen aus, um Schritt für Schritt darüber hinauszuwachsen; so besiegen sie ihre kleinen und großen Ängste. So entwickeln sie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. So lernen sie, sich geschickt zu bewegen, sich nicht zu verletzen, Situationen richtig einzuschätzen. So gewinnen sie Sicherheit fürs ganze Leben.

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Gefahr und Wagnis

In unserer Gesellschaft der Sicherheitsmaximierung hat das Wort Risiko einen negativen Beigeschmack, vor allem, wenn es um Kinder geht. Doch es gibt einen Unterschied zwischen echter Gefahr und Wagnis oder Risiko: Gefahr ist etwas, das ein Kind nicht sieht und wovor es bewahrt werden muss: ein offenes Fenster im dritten Stock, giftige Chemikalien, Strömungen im Gewässer. Ein Wagnis oder Risiko hingegen stellt eine Herausforderung dar, die das Kind erkennt und bei der es selbst entscheiden kann, ob es sie annehmen möchte: Wie weit traue ich mich auf den Baum hinauf? Falle ich, wenn ich mit dem Fahrrad eine enge Kurve mache?

Die norwegische Psychologin Ellen Sandseter beobachtete eine Vielzahl von Vorschulkindern beim Spielen und definierte 2007 sechs Felder, die jene oder ihre Aufsichtspersonen als besonders aufregend empfinden. Klar an erster Stelle steht „große Höhe“: Klettern, Abspringen von festem oder wackligem Untergrund, Balancieren, kopfüber Hinunterhängen, Schwingen, möglichst weit nach oben.

„Hohe Geschwindigkeit“ lässt schon die ganz Kleinen freudig johlen, wenn sie unkontrolliert schnell laufen. Beim Schaukeln, Rutschen, Schlittern, Kreiseln geraten noch ältere Kinder in Temporausch – und natürlich auf fahrbaren Untersätzen, von Lauf- und Fahrrädern über Skateboards, Roller, Ski bis hin zu selbstgebauten Seifenkisten. Da stockt mir der Atem, wenn ich sehe, wie der Junior, zuerst mit dem Laufrad, inzwischen mit Fahrrad und Roller, um die Ecken schießt, auf Kollisionskurs mit anderen Kindern – nur um im letzten Sekundenbruchteil zu bremsen oder auszuweichen.

Ebenfalls von Kindern wie auch Erwachsenen als riskant eingestuft werden „wildes Toben und Raufen“. Besonders Jungen, das musste ich als gelernte Kulturanthropologin („die Erziehung macht den Unterschied“) inzwischen einsehen, begeistert kaum etwas so sehr wie der Kampf: sei es reines Gerangel oder das Aufeinandereinschlagen mit Stöcken, Kissen oder, nun ja, auch mein Sohn besitzt inzwischen ein paar „echte Waffen“ wie Holzschwerter. Tränen sind dabei an der Tagesordnung, aber anscheinend will gelernt werden, dass Treffer schmerzen. Auch die „Nähe von Gefahrenstellen“ wie Klippen, steilen Abhängen, tiefem oder eisigem Wasser oder Feuer erleben manche Kinder als aufregend. Allerdings bemerkte die Forscherin vom Queen Maud University College in Trondheim auch, dass sich durchaus nicht alle Kinder der Gefahren bewusst sind, etwa wenn sie völlig in ihrem Spiel aufgehen.

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Auf ins Abenteuer

Hingegen fanden es die Vorschulkinder durchgehend spannend, sich zu verstecken oder unbekanntes Terrain zu erkunden, außer Sichtweite der Erwachsenen – sie genießen den Kitzel, „sich zu verirren“. Und natürlich lieben Kinder „gefährliche Geräte“ wie Messer, Sägen oder Beile. Nicht überall fürchten die Großen solches Werkzeug in Kinderhänden: So erzählte mir eine Bekannte von einem Kindergarten im Wald, in dem immer eine Axt herumliegt – nach festgelegten Regeln dürfen die Kleinen damit hantieren.

In manch anderen Ländern herrschen aber noch ganz andere Sitten. In Gambia etwa beobachtete 2009 die englische Ethnologin Morgan Leichter-Saxby kleine Jungs, die mit selbst gefertigten Bögen und Messern auf Wildschweinjagd gingen.

Kein Erwachsener hatte diesen Kindern den Bau der Waffen gezeigt. Das Wissen wurde von einer Kindergeneration an die nächste weitergegeben. Den kleinen Bruder, so erzählten sie, würden sie erst mitnehmen, wenn er acht ist. Bis dahin jage er Kaninchen. Es stand auch niemand unter dem riesigen Mangobaum, der die wilden Kraxler aufgefangen hätte. „Ein Kleinkind wusste am Ende eines Zweigs nicht mehr weiter“, schreibt die Forscherin in ihrem Blog. „Da ließ es sich einfach fallen, schüttelte sich den Staub von den Kleidern und startete den nächsten Versuch.“

Elternparanoia

Fürchten wir heute in den westlichen Nationen also zu sehr um unseren Nachwuchs? Der britische Soziologe Frank Furedi glaubt, ja – und prägte dafür den Begriff „Elternparanoia“. Das Bild vom Kind, so die These des emeritierten Professors von der University of Kent, habe sich im letzten Jahrhundert stark gewandelt. Kinder wurden früher als robust und belastbar angesehen, Risiko als positiv. Heute gelten sie als zerbrechlich und sollen von Anfang an vor Schäden jeglicher Art, seelischen wie körperlichen, bewahrt werden.

Von den verunsicherten Eltern profitiert ein riesiger Ratgebermarkt, der die Angst aber nur noch weiter anheizt. Hinzu kommt der Einfluss der Medien, die meist ein Zerrbild der Lebensrealität wiedergeben. Wenn eine österreichische Zeitung vier Zeilen über die vielen Toten bei Skiunfällen bringt, daneben aber eine ganze Seite dem tragischen Unfall eines Mädchens auf einem Spielplatz widmet, fehlt jede Relation. Spielplätze rangieren laut Statistiken weit unten auf der Liste kindlicher Unfallorte. Oder die Panik vor einer Entführung: Wenn ich an die letzten Jahre denke, fallen mir Natascha Kampusch und die kleine Maddie ein – Einzelfälle. Doch die Angst sitzt tief! Noch keine Sekunde hatte mich bis vor kurzem der Gedanke gestreift, ich könnte Vincent ab nächstem Jahr den Schulweg allein bestreiten lassen. Dabei würde der fast ausschließlich durch den grünen Prater führen, ein verkehrsfreies, riesiges Naherholungsgebiet in Wien.

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Was war früher anders?

„Bloß nicht!“, entfährt es auch meiner Mutter, als ich mit ihr darüber spreche. Wenig später räumt sie ein, dass zu ihrer Schulzeit, damals nach dem Krieg, auch recht viele seltsame Gestalten herumgelaufen seien. Meine Mutter ging täglich ohne Erwachsenenbegleitung zwei Stunden zur Volksschule und zurück – durch einen zerbombten Wald, einen Bach entlang, bei Wind und Wetter. Heute dagegen findet in Deutschland wie Österreich der Großteil des Kinderlebens unter Beaufsichtigung statt: Daheim, auf dem Spielplatz, im Kindergarten, im Hort, bei Sport- und Freizeitaktivitäten. Sind die Erwachsenen dann noch übervorsichtig, schränkt das doppelt ein – ein Problem, das durchaus mit dem Älterwerden zusammenhängen kann.

Denn mit den Jahren gewinnen wir an Erfahrung, damit aber auch, was die Fachwelt „Erfahrungsangst“ nennt. Kindergartenkinder haben die noch kaum. Unbekümmert leben sie im Augenblick und erwerben beim Spielen ganz nebenbei motorische, kognitive und soziale Fähigkeiten. Eine Voraussetzung dafür ist allerdings ein geeignetes Umfeld: Eine anregende Umgebung, die möglichst komplexe Tätigkeiten erlaube, erklärt der Wiesbadener Sportpädagoge Dieter Breithecker, der sich unter anderem für das Konzept der „bewegten Schule“ einsetzt. Komplex, das heißt, so wackelig, so vielfältig, so sinnebeanspruchend wie möglich – den rutschigen Hügel erklettern, auf einem lose liegenden schmalen Baumstamm balancieren. Das erfordert Koordination, stimuliert das Gehirn auf vielfältige Weise und fördert so die motorischen Kompetenzen.

Bewegung macht schlau

Der positive Effekt von Bewegung auf den kindlichen Intellekt ist inzwischen gut belegt. 2008 verglich der kanadische Gesundheitsforscher François Trudeau die Ergebnisse von rund einem Dutzend Studien. Er kam zu dem Schluss, dass eine Stunde Sport am Tag die Schulkinder nicht nur körperlich stärkt, sondern auch geistig beflügelt. Obwohl nun weniger Zeit zum Üben für die klassischen Fächer blieb, schrieben die Kinder bessere Noten als ihre nicht aktiven Mitschüler. Eine weitere Übersichtsarbeit zu zwölf anderen Studien ergab: Kinder, die an Sportprogrammen teilnahmen, waren intelligenter, kreativer und verfügten über bessere exekutive Funktionen, also die Fähigkeit, Probleme zu lösen, Handlungen und Emotionen zu steuern.

Gegenüber Sportstunden hat Spielen und Toben in der Natur oder auf naturnahen Spielplätzen aber noch weitere Vorteile. Kein Leistungsdruck verleidet die Bewegungslust. Hinzu kommt der Abenteuereffekt: Spannende Herausforderungen, der Wunsch und die Freude, sie zu meistern, setzen im Gehirn besonders viel Dopamin frei, einen Botenstoff, der laut Hirnforschern als Booster für das Verankern von Lernerfahrungen wirkt. Das Erklimmen von Felsen und Bäumen dürfte die neuronale Vernetzung im Gehirn höchst effektiv ankurbeln. Ohne den gestrengen Blick der Erwachsenen ist es auch leichter, ganz im eigenen Tun aufzugehen: Wer Kinder in freier Natur beobachtet, wo sie stundenlang in eigenen Welten versinken, weiß, was gemeint ist. Sie erleben den Flow, wie es in der Psychologie heißt, jenen wachen und doch zugleich entspannten Bewusstseinszustand, der als Balsam für die Psyche gilt.

Die Natur ist es auch, wo Kinder wirklich hingehören, und wenn es die Geröllhalde am Ende der Straße ist. Natur ist aufregend, lebendig, voller Überraschungen und Geheimnisse. Sie bietet Wagnis und Abenteuer, regt die Phantasie an, macht frei, das formulierten schon Denker wie Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) und Henry David Thoreau (1817 – 1862), später Vertreter der Erlebnis- und Wagnispädagogik. Die heutigen Wald- sowie Waldorfkindergärten möchten den Kleinsten etwas Natur zurückgeben, doch ist das ein Minderheitenprogramm.

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„Natur-Defizit-Syndrom“

Der amerikanische Schriftsteller Richard Louv konstatierte 2008 deshalb auch ein „Natur-Defizit-Syndrom“ – ein Ausdruck, der von der Fachwelt bald aufgegriffen wurde. Sein Bestseller „Das letzte Kind im Wald?“ löste eine weltweite Debatte über Kinder und Naturerleben aus. Als Grund für das Naturdefizit werden heute hauptsächlich Blechlawinen genannt, welche die Kleinen in die Häuser bannen. Doch so berechtigt die Sorge vor dem Verkehr auch ist, für alles Einsperren kann sie nicht der Grund sein: So zeigen Erhebungen in der nicht gerade verkehrsarmen Schweiz, dass Sechs- bis Elfjährige dort körperlich sehr aktiv sind, je nach Studie zwischen 60 und 160 Minuten pro Tag. Die Jüngeren verbringen viel Zeit draußen mit freiem Spiel. 80 Prozent der Kinder fahren mit dem „Velo“ (Fahrrad) oder gehen zu Fuß zur Schule. In Deutschland dagegen bewegen sich laut dem großen Kinder- und Jugendgesundheits-Survey von 2007 lediglich rund 15 Prozent der Kinder mindestens eine Stunde pro Tag; nur knapp 45 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen halten sich täglich im Freien auf.

Und das gilt nicht nur für Stadtkinder: Auch wo es genug Grün um die Häuser gibt, will ein hoher Anteil der Eltern den Nachwuchs nicht mehr auf der Straße, im Wald oder an Bächen sehen. Stattdessen wird er fleißig mit dem Auto herumkutschiert – zu Kursen und Veranstaltungen, welche die kindlichen Terminkalender füllen. „Auch die Stadt ist ein Lebensraum“, hält Breithecker dem Verkehrsargument entgegen. „Wer dort aufwächst, muss genauso lernen, sich darin sicher zu bewegen, wie ein Kind im Urwald oder auf einem Bauernhof.“ Jede Umgebung hat ihre eigenen Gefahren. Nur durch Handeln und Üben lernen wir, damit umzugehen. „Warum soll ein Kind, das die Regeln gelernt hat, nicht allein den Schulweg schaffen?“ Sicher werden Eltern ihre Abc-Schützen noch begleiten. Doch Schritt für Schritt könne ein Schulkind seiner eigenen Wege gehen – vielleicht in einer Gehgemeinschaft, wie sie in der Schweiz oft organisiert wird.

„Pass bloß auf!“

In Watte gepackten Kindern hingegen, über denen ständig die Eltern wie Helikopter kreisen – keine Minute ohne Aufsicht, jedes noch so kleine „Gefahrenmoment“ ausschaltend – fehlen solche entscheidenden Erfahrungen. Wie der Kleinen, der ich vor einiger Zeit beim Balancieren auf einer Mauer zugesehen habe: Behutsam, bedächtig setzt sie einen Fuß vor den anderen. Sie ist nicht besonders schnell für ihr Alter – vielleicht fehlt die Übung – doch jetzt ist sie dabei, konzentriert, bestimmt. Bis die Mutter das sieht. „Pass auf!“, überschlägt sich die Stimme. Das Kind erstarrt. Die Knie geben nach, es kann keinen Schritt mehr machen. In seinem Gesicht ist jetzt Angst – die Angst der Mutter, die herbeieilt und der Tochter die Hand zur Rettung reicht.

Hatte das Eingreifen irgendeinen positiven Effekt? Maximal wurde eine Schramme verhindert, wenn überhaupt: Das Mädchen hatte sich ja seinen Fähigkeiten gemäß bewegt. Dafür konnte es seine Koordination nicht verbessern, hatte kein Erfolgserlebnis, konnte nicht selbstbestimmt die Angst überwinden (wird sich also weiter fürchten und dem eigenen Urteil nicht trauen). Und: Der mütterliche Alarm, wohl nicht der einzige dieser Art, zementiert die Welt als Ort von Gefahren, die das Kind allein nicht bewältigen kann.

Wie Eltern ihre Kinder in solchen Situationen anleiten, beeinflusst direkt das kindliche Vermögen, Risiken selbst einzuschätzen, bestätigt Helen Little von der Macquarie University Sydney – sie legte 2010 eine Studie über den Einfluss der Einstellung der Eltern vor. Dabei könnten die sich bei dem überschaubaren Risiko, das Kinder beim Spiel meist eingehen, durchaus entspannen. „Klettern zum Beispiel ist eine der sichersten Tätigkeiten überhaupt“, betont Breithecker, seines Zeichens Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung (BAG).

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Gewagtes Spielen verringert Angst

„Kinder müssen hoch hinaus, damit bauen sie ihre Höhenangst ab.“ Ellen Sandseter und ihr Kollege Leif Kennair vermuten denn auch, einer der wichtigsten Aspekte gewagter Spiele könnte ihre antiphobische Wirkung sein. „Das Kind verringert durch das Spiel seine Angst vor Situationen, die ‚gefährlich‘ waren, als es noch kleiner war“, schreiben die Trondheimer 2011 in einem Übersichtsartikel über die evolutionären Aspekte riskanten Spielverhaltens.

Unbewusst benutzten Kinder damit eine Technik, die heute als eine der wirksamsten zur Behandlung von Angststörungen eingesetzt wird: Verhaltenstherapie, die das Gefürchtete in kleine Scheibchen teilt, so dass mit der Zeit auch „große“ Angst überwunden werden kann. Werden vermeintlich gefährliche Situationen nun ständig eingeschränkt oder verboten, bleibt die Angst des kleinen Kindes, die längst nicht mehr angebracht wäre, bestehen. Ängstliche Eltern schaffen damit ängstliche Kinder – möglicherweise, fürchten die Wissenschaftler, sogar angstgestörte. Umgekehrt erleben Kinder aber auch Furcht, wenn Anforderungen und Erwartungen ihre Fähigkeiten übersteigen, etwa weil ihre Eltern Mut verlangen, obwohl sie noch nicht so weit sind. Wer sich als Folge solcher Interventionen nicht sicher bewegt, bewegt sich oft auch nicht gern: Das fängt beim Turnunterricht an, den ungeschickte Kinder nicht selten als demütigend und ausgrenzend erleben, sofern aufmerksame Lehrkräfte hier nicht klar gegensteuern.

Natur- und Bewegungsdefizit

Statt nach der Schule dann ein, zwei Stunden im Freien zu toben, wie es Kinder und Jugendliche bräuchten, ziehen sie sich lieber zurück, vor Fernseher, Computer, Spielkonsole. Der daraus resultierende Bewegungsmangel ist Risikofaktor für praktisch alles: Soziale Interaktion mit anderen Kindern und Lernvermögen leiden. Zu wenig Bewegung lässt das Selbstvertrauen sinken, psychische Probleme nehmen zu. „Unsportliche Jugendliche erkranken fünfmal öfter an Depressionen als sportlich aktive“, berichtet der Grazer Kinder- und Jugendmediziner Peter Schober, „und ihr Suchtrisiko ist höher.“ Sogar ein Zusammenhang mit ADHS ist wahrscheinlich. So verbesserte sich der Zustand von aufmerksamkeitsgestörten Kindern, die der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther mit viel Bewegung und Herausforderung therapiert hatte, auch ohne Tabletten dramatisch – zwei Monate mit viel Arbeit auf einer Almhütte und käsen lernen hatten gereicht.

Unter dem Natur- und Bewegungsdefizit leidet die Gesundheit unserer Jugend. Kopf- und Rückenschmerzen, Haltungsschäden, Übergewicht und Essstörungen sind auf dem Vormarsch. Und Bewegungsmangel schafft Bewegungsprobleme: „Bei drei von vier verunfallten Kindern spielen motorische Defizite eine Rolle“, fasst Schober die Studienlage zusammen. Die Angst vor Beulen und die ständige Sorge um das Kindeswohl erschaffen letztlich also erst, was sie verhindern wollten: mehr Verletzungen, mehr seelisches Leid, mehr körperliche Probleme. Eine wachsende Schar von Fachleuten fordert deshalb, Schrammen, Kratzer, Platzwunden, ja selbst Knochenbrüche als normalen Teil der Kindheit anzuerkennen. „Eine Verletzung ist eine Lappalie im Vergleich zum Vorteil, den ein Kind davon hat, frei spielen und klettern zu dürfen“, davon ist auch Dieter Breithecker überzeugt. Wer blaue Flecken als Kinderrecht akzeptiert, wird sich dann auch leichter tun, den Sprössling mit Freunden unbeaufsichtigt im Hof spielen zu lassen.

Knochenbrüche einkalkuliert

In den europäischen Richtlinien für Spielplätze ist diese Sichtweise längst verankert: „Das Spielangebot sollte darauf abzielen, die Balance zu halten zwischen der Notwendigkeit, Risiko anzubieten, und der Notwendigkeit, das Kind vor schweren Verletzungen zu schützen“, heißt es im Vorwort zur EU-Norm der „Spielplatzgeräte und Spielplatzböden“ von 2008. Kinder müssten lernen, „mit Risiken fertigzuwerden, und das kann auch zu Prellungen, Quetschungen und sogar gelegentlich zu gebrochenen Gliedmaßen führen.“

Ziel ist also längst nicht mehr, eine unfallfreie Umgebung zu schaffen. Es sollen lediglich Unfälle mit bleibenden Schäden oder Todesfolge verhindert werden. „Keine Umgebung kann je hundertprozentig sicher sein“, meint die britische Psychologin Jennie Lindon und Autorin des Buchs „Too Safe for Their Own Good?“. „Auch gut überwachte Kinder schaffen es, sich zu verletzen. Oft auf unvorhersehbare Weise.“ Öde Spielgeräte etwa beginnen Kinder gerne gefährlich zweckzuentfremden, sie balancieren beispielsweise auf dem zu niedrigen Gerüst ganz oben. Auf einem herausfordernd hohen täten sie das nicht.

Auch stellte David Ball, Risikoforscher an der Middlesex University in London, vor einigen Jahren fest, dass die (insgesamt geringe) Zahl von Knochenbrüchen auf Spielplätzen nach dem Einführen stoßdämpfender Untergründe in England und Australien gestiegen, nicht gesunken war. „Die Kinder glauben, der weiche Boden ist sicherer, als er ist“, so Ball. Bei harten Böden wissen sie, dass der Aufprall schmerzt – und sind vorsichtiger. Jede Blessur hat auch ihr Gutes: Ein Kind weiß erst, was „heiß“ bedeutet, wenn es sich verbrannt hat. Zurufe und erhobene Zeigefinger hinterlassen keine (positiven) Repräsentationen im Gehirn, nur Erfahrung und Übung tun das. Das nachhaltigste Lernen ist Lernen durch Handeln. Und das gilt auch für uns Erwachsene.

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Nun, da wir wissen, wie sehr Überbehütung unseren Kindern schadet, können wir an uns selbst arbeiten, um mehr Elternmut zu entwickeln. Zum Wohl unserer Kinder lasst uns hin und wieder üben, nicht einzugreifen: Einmal tief durchatmen, Augen zu – und durch.

*) Autorin und Verlag
Verena Ahne ist Kulturanthropologin und Wissenschaftsjournalistin in Wien.
Gehirn & Geist, Juni 2012, Spektrum der Wissenschaft, Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck
Links zur Zeitschrift Gehirn & Geist – www.gehirn-und-geist.de – Heidelberg:
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Literatur-Tipps:
– Louv, R.: Das letzte Kind im Wald? Geben wir unseren Kindern die Natur zurück.
Beltz, Weinheim 2011. Der US-Autor Richard Louv gibt Denkanstöße und praktische Tipps.
– Weber, A.: Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur. Ullstein, Berlin 2012
Leidenschaftliches Plädoyer für mehr Naturerfahrung im Leben von Kindern.

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