Liliencron: Rungholt und der Literarische Atlas

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Von der Rungholt-Ballade bis zur digitalen Reise der ETH Zürich

Sagen und Spukgeschichten um Rungholt werden seit 650 Jahren gesponnen – seitdem die „reiche Stadt“ am 16. Januar 1362 während der Groten Mandränke in der Nordsee versank. Endgültig zum Mythos wurde Rungholt erst seit 1882. Da befiel das geheimnisvolle Virus auch den Dichter Detlev von Liliencron, der für eineinhalb Jahre als Hardesvogt auf die Insel Pellworm gekommen war.

Liliencron griff die Geschichte auf und machte daraus die gewaltigen Verse, die alle mit einem kräftigen „Trutz, Blanke Hans“ enden. Der Mythos war geboren; Rungholt wurde von Legenden überwuchert – und berühmt. Der „Blanke Hans“ ist die volkstümliche Bezeichnung für die stürmische Nordsee. Denn im grossen Ozean von „England“ bis „Brasilien“, so der Poet, lebt ein gigantisches Seeungeheuer, das die Rungholter durch ihr ausschweifendes Leben provoziert haben. Die Folge ist ein „Gottesgericht“ mit babylonischen Zügen von Sodom und Gomorrha, das Rungholt in den Fluten versinken lässt:

Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
Trutz, Blanke Hans.

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
Liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
Taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
Der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
Trutz, Blanke Hans.

Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen
Und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.
Trutz, Blanke Hans.

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen
Die Kiemen gewaltige Wassermassen.
Dann holt das Untier tief Atem ein,
Und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.
Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,
Viel reiche Länder und Städte versinken.
Trutz, Blanke Hans.

Rungholt ist reich und wird immer reicher,
Kein Korn mehr faßt der größeste Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom,
Staut hier täglich der Menschenstrom.
Die Sänften tragen Syrer und Mohren,
Mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
Trutz, Blanke Hans.

Auf allen Märkten, auf allen Gassen
Lärmende Leute, betrunkene Massen.
Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:
Wir trotzen dir, blanker Hans, Nordseeteich!
Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
Zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
Trutz, Blanke Hans.

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
Der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
Belächelt der protzigen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
Das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen.
Trutz, Blanke Hans.

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
Das Scheusal wälzte sich, atmete tief,
Und schloß die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
Kommen wie rasende Rosse geflogen.
Trutz, Blanke Hans.

Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,
Und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
Schwamm andern Tags der stumme Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Trutz, Blanke Hans?

Liliencron befindet sich nur kurz zwischen 1882 und 1883 als Hardesvogt auf der Insel Pellworm; dennoch handelt es sich hierbei um eine literarisch sehr produktive Phase, aus der vor allem die fünf Nordseeküstennovellen hervorgegangen sind. Die Schauplätze dieser Novellen befinden sich entweder direkt auf oder in unmittelbarer Nähe von Pellworm: Der Handlungsraum besteht also ausschließlich aus dieser Insel und den umliegenden Halligen und Inseln.

Mit Karten lesen – Der Literatur-Altlas

Mit Liliencron durch die Welt der Inseln und Halligen oder mit Theodor Storm durch Nordfriesland: Oft sind Feriengäste mit den Büchern dieser Autoren an den Schauplätzen vor Ort unterwegs. Was ist dort tatsächlich zu sehen? Eine Forschungsgruppe aus Philologen und Kartographen hat sich ein grosses Ziel gesetzt: Den Literatur-Atlas.

Literaturfreunden sei ein Blick auf das Forschungsprojekt Ein literarischer Atlas Europas empfohlen, das am Institut für Kartografie und Geoinformation der ETH Zürich, eine der weltweit führenden Technischen Hochschulen, unter Leitung der Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti entwickelt wird.

Alles beginnt mit den vermeintlich einfachen Fragen: Wo spielt Literatur und weshalb spielt sie dort? Europa verfügt über einen immensen Reichtum an literarisierten Landschaften und Städten. Das sich gegenwärtig neu formierende, dynamische Forschungsfeld der Literatur-Geographie und -kartographie setzt sich zum Ziel, solche komplexen Überlagerungen von realen und fiktionalen Geographien sichtbar zu machen. Vor diesem Hintergrund entsteht an der ETH Zürich gegenwärtig ein Prototyp eines interaktiven Literarischen Atlas Europas.

Literatur-Geographie und -Kartographie haben eine über hundertjährige Tradition. Die bisherige Geschichte dieses international zu nennenden Arbeitsfeldes muss aber erst noch geschrieben werden. Die Ausdrücke Literatur-Geographie oder Literary Geography und géographie littéraire tauchen im deutschsprachigen Raum sowie in England und Frankreich etwa zeitgleich auf: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Das Projekt arbeitet mit Methoden der Literatur-Kartographie an zwei konkreten Beispielen: Der Kategorie Figurenwege und der Kategorie Projizierte Räume. So wird vorgeführt, was auf den Karten und GIS-Analysen tatsächlich zu sehen ist und welchen Mehrwert an Erkenntnis sie generieren. Die Entwicklung dieses Forschungsgebiets hat durch die Allianzen von Geisteswissenschaften mit den digitalen Technologien enormen Aufwind erhalten.

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Abbildung oben: GIS-Analyse der Figurenwege in der Modellregion Nordfriesland. Die Grundlage dafür sind 113 Prosa-Texte, erschienen zwischen 1847 und 1938. Die Visualisierung zeigt das fiktionalisierte Nordfriesland Theodor Storms und seiner Zeitgenossen (u.a. Detlev von Liliencron, Klaus Groth). Textanalysen: Kim Seifert und Kathrin Winkler, Georg-August-Universität Göttingen; Visualisierung: Anne-Kathrin Reuschel, ETH Zürich.

Weitere Information: Dr. phil. Barbara Piatti, Forschungsgruppe ETH Zürich

Fotos
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