Radreise um die Nordsee: 9.000 Km durch neun Länder

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Für Weltenbummler – von Hamburg bis Edinburgh, von Bergen bis Brest

Nein, das ist keine Spazierfahrt. Eher eine Herausforderung für durchtrainierte Entdecker weitgehend “unbekannter” Welten – ein halber Kontinent rund um die Nordsee. Von den Kanalküsten in Frankreich und Südengland bis zum Nordmeer in Norwegen, 300 km nördlich vom Polarkreis. Von Deutschland aus bequem mit dem Fahrrad zu erreichen. Wie auch Norwegens Fjorde mit einem Alpen-Panorama, das man so idyllisch eher in der Schweiz vermutet.

Zwei Schweizer Radreise-Kenner und Augenzeugen haben die Drei-Monate-Tour in einem Tagebuch festgehalten. Das ist eher ein Schocker als eine Animation für Romantiker. Ein sportlicher Kampf ums nackte Leben, mitten in Europa! Einzelheiten in diesem Beitrag.

Der „Radweg“ um die Nordsee ist relativ bequem – jedenfalls für Globetrotter, die ein reinrassiges Fahrrad unterm Sattel haben. Ein Reiserad, das ist ein Trekking Bike für tausende Kilometer. Mit viel Stabilität trotz 50 Kilo Reisegepäck – das ist mehr als zwei Koffer Fluggepäck. Mit hohem Komfort, auch wenn die Tour hart wird oder über Holperstrecken bergab geht und bei Regen durch enge Kurven. Raderfahrene Weltenbummler machen solche Abenteuer sonst quer durch Asien, Afrika und Amerika.

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Abb. oben: Hohe Schule der Reisekunst – fahren statt schrauben. Reiseräder von Idworx sind unverwüstlich, zuverlässig und langlebig. Kein Stress mit der Technik, fast völlig wartungsfrei. Ewige Treue hält der Star des Hauses: Das Easy TiRohler

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Abb. oben: Santos ist eine niederländische Manufaktur für erstklassige Reiseräder. Ein Touring- und Trekking-Spezialist mit Modellreihen für Globetrotter, die tausende Kilometer im Sattel unterwegs sind – Strände auf den Lofoten in Norwegens hohem Norden

Deshalb stellt sich die Frage, ob Norwegen – vor der Haustür an der Nordsee – nicht viel interessanter ist als die fernen Rocky Mountains im endlosen Colorado? Ob die Highlands in Schottland nicht viel spannender sind als die Wüsten in der Mongolei? Ob es nicht viel Schöneres zu entdecken gibt, wenn man sich unterwegs in London oder Amsterdam verirrt als in Bangladesch oder Bagdad? Ob es für Leib und Seele nicht viel genüsslicher ist, sich in Frankreich durch die Küchen der Bretagne zu kosten als durch Tequila-Hütten in Mexico? Das waren jetzt vier Fragen. Man könnte Hunderte hinzufügen und ein dickes Buch damit füllen, ohne den Nordsee-Radweg zu verlassen.

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Abb. oben: Ein deutsches Silkroad ToutTerrain – Der Geiranger-Fjord in Norwegen

North Sea Cycle Route – der Nordsee-Radweg

Das Abenteuer ist nichts für Anfänger und es hat einen Namen: Der Nordsee-Radweg – der heisst offiziell “North Sea Cycle Route” – der längste durchgehend ausgeschilderte Radweg der Welt. Aber diese Route ist nur die halbe Nordsee-Welt, nur 6.200 Kilometer lang und ihrer Webseite zufolge ist die gewaltige Tour in nur etwa 90 Tagen zu meistern. Aber warum so eilig? 

Dem „offiziellen“ – was immer das heissen mag – Nordsee-Radweg fehlen die Kanalküsten in Belgien, Nordfrankreich und Südengland. Das macht weitere 3.000 Kilometer; allein die Bretagne rund um Brest hat schon 1.000 Km Küste. Total rund 9.000 Km – mit Abstechern ins Binnenland und ausgiebigem Stopover in Metropolen wie London kommen einige Touren hinzu. Wer diese herrlichen Regionen links liegenlässt, der wird viel verpassen.

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Abb. oben: Ein Santos Travelmaster in Schottland – Fjord-Romantik in Norwegens freier Natur

So endlos kann die Nordsee für Weltenbummler sein. Einmal rundrum in 150 Tagen, wenn man es sportlich nimmt. Oder auch ein ganzes Jahr lang, inklusive Überwintern in aller Gelassenheit. Wer genug Zeit und andere Freiheiten hat, der kann die Nordsee-Route auch ein paar Jahre lang erkunden. Mit langen Zwischenstopps oder über separate Etappen, zu denen man jedesmal mit der Bahn anreist; mit dem Rad im Bahngepäck. Die Nordsee-Region mit neun Ländern hält grenzenlose Erlebnisse bereit. Mit Fahrradfahren wahlweise als Vergnügen oder als Härtetest für die Muskeln und für das Material.

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Abb. oben: Andoya am Nordmeer in Norwegen, 300 km nördlich vom Polarkreis

Das Tagebuch einer Drei-Monate-Tour: Ernüchterung statt Romantik

Bei aller Abenteuerlust: Dieser Tourenbericht – siehe PDF-Datei – ist ernüchternd. Eher abschreckend als animierend, aber eine Pflichtlektüre für jeden potenziellen Radreisenden rund um die Nordsee. Vor allem eine Pflichtlektüre für staatlich bedienstete Tourismus-Manager, die rund um die Nordsee volle Steuergeldkassen verwalten. Denn die öffentlichen „Leistungen“ sind streckenweise so drittweltlerisch wie in der Mongolei oder in Sibirien.

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Abb. oben: Sportlicher Kampf ums nackte Leben mitten in Europa; die Autoren unterwegs – Der Nordsee-Radweg besteht über weite Strecken aus Feldwegen, Kies und festem Dreck. Regen, Sturm und Kälte sind im Frühjahr noch ständige Begleiter

Bettina Zanolari und Andreas Rohrer, junge Schweizer aus St. Gallen und erfahrene Radtourer, sind 2011 die offizielle „Kurzstrecke“ über 6.000 Km gefahren und haben Tagebuch geführt; knapp und präzise – vielleicht klingt die Realität ja deshalb so schockierend. Denn diese jungen Leute sind begeisterte Radreise-Kenner und nicht im Geringsten verwöhnt oder verzogen, sondern durch und durch spartanisch-sportlich.

Zudem sind die Schweizer vom Bodensee mit dem deutschen Kulturkreis nahe verwandt. Umso erstaunlicher sind deren Eindrücke von Deutschlands Nordsee-Regionen: Unfreundlich, abweisend, desinteressiert an ganz normalen Fussvolk-Touristen. Ein krasser Widerspruch zur bunten Heile-Welt-Reklame deutscher Tourismus-Behörden.

Unterm Strich geht es bei dieser Radreise drei Monate lang nur ums Essen (Energiezufuhr) und ums Schlafen (Zeltplatzsuche); also ums nackte Leben! Von Romantik und Entdeckung keine Spur. Das mag einerseits jugendlicher Abenteuerlust geschuldet sein. Andererseits dient diese Erfahrung dazu, dem Sinn des Reisens auf den Grund zu gehen. Nämlich: „Der Weg ist das Ziel!“ Soll heissen: Je mehr Reisezeit man sich nimmt, je mehr Reisegeld man investiert, desto mehr Genuss wird man erleben. Zwischen Ferienflieger-Konsum aus dem Supermarkt und privatem Reiseerlebnis fernab aller Trampelpfade liegen Welten.

Ein Anekdötchen am Rande dieser Nordsee-Rundfahrt: Unterwegs in England haben die Schweizer ein dänisches Ehepaar getroffen; beide 70 Jahre alt (in Worten: Siebzig) und noch rüstig auf dem Nordsee-Radweg unterwegs. Respekt! Bleibt zu hoffen, dass den lebenslustigen Dänen der Genuss wichtiger ist als der Sport!

Hamburg – ideale Drehscheibe für die Grosse Nordsee-Rundfahrt

Die deutsche Stadt von Welt, seit der Hansezeit traditionell Deutschlands Tor zur Welt, ist die ideale Drehscheibe für alle Radreisen durch Nordeuropa. Hamburg ist Knotenpunkt aller Bahnverbindungen – Bahn & Bike – in alle Himmelsrichtungen. Zudem ist der Startplatz selbst ein ergiebiges Reiseziel und eine genüssliche Einstimmung auf die bevorstehende Rundfahrt durch neun Länder. Im Welthafen gibt es Fernweh zu schnuppern, die prächtigen Stadtviertel rund um die Alster zeugen von erfolgreichen Rückkehrern, von Gelassenheit am Ende abenteuerlicher Weltreisen.

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Abb. oben: Hamburg – Tor zur Welt mit hanseatischen Tugenden: Sparsam, aber nur vom Feinsten

Von Hamburg aus geht es bequem zuerst nach Norden – oder zuerst nach Westen. Nach Norden entlang der Nordseeküste über Husum nach Dänemark; oder über die nahen Ostseehäfen mit Fährschiffen nach Schweden und Norwegen. Oder entgegengesetzt nach Westen entlang der friesischen Küste nach Holland, Belgien und über die Kanalhäfen in Frankreich hinüber nach England. In beiden Richtungen ist das schon ein strammer Einstieg in die Grosse Nordsee-Rundfahrt.

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Abb. oben: Santos Bikes – Unterwegs mit der Bahn in England und dem Boot in Schottland

Mit Schiffen über den Radweg

Ähnlich wie Bahnstrecken für grössere Abstecher sind auch Fährschiffe auf dieser „Seereise“ eine kleine Welt für sich; schliesslich muss man die Nordsee an einigen Stellen überqueren. Oder man tuckert langsam die Seeseite entlang anstatt – noch langsamer – über die Berge zu kraxeln. Eine besondere Delikatesse im hohen Norden sind urige Schiffstouren mit örtlichen Fischer- und Frachtbooten. Die Gelegenheiten dazu findet man kaum im Internet. Da gilt es, wie „früher“, vor Ort zu improvisieren.

Diese Radreise ist ein handfestes Abenteuer und zum Glück keine Kreuzfahrt auf einem Musikdampfer mit organisierten Kaffeekränzchen. Nur wer auf TÜV-geprüfte Trampelwege verzichtet, wer sich auf seinen Instinkt und gesunden Menschenverstand verlässt, der belohnt sich auf dieser Reise mit echten Erlebnissen im richtigen Leben. Das gilt in den Weltstädten, auf den Dörfern in der Provinz und an den fast menschenleeren Enden der Welt entlang dieser spannenden Route. Hier können sich auch Globetrotter nach zigtausend Kilometern durch die Dritte Welt noch beweisen, dass sie tatsächlich auf diesem Globus leben.

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Abb. oben: Fähren, Boote und Kutter in Norwegen – ein Paradies für seetüchtige Radreisende

Von einem, der davonfuhr, um da anzukommen wo er losgefahren war: Start in Hamburg. Über die Niederlande (Amsterdam!) und Belgien bis zur Normandie und Bretagne in Frankreich. Weiter nach England mit Stopover in London. Hoch nach Schottland (Edinburgh!) und den Shetland-Inseln. Hinüber nach Norwegen. Schwedens Westküste passieren und durch Dänemark (Kopenhagen!) zurück nach Deutschland, um in Hamburg wieder anzukommen. Ein starkes Stück für einen Reisetourer: Das Reiserad oder Touring Bicycle ist nicht zu verwechseln mit einem Tourenrad für Schönwetter-Spritztouren.

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Abb. oben: Ferienwohnungen in Norwegen – ein idealer Stopover; schlicht, schön und gemütlich

Jeder ist sein eigener Quartiermeister – nach Lust und Laune

Die beiden Schweizer Tagebuch-Autoren haben bei einem Interview mit Merian.de eine wertvolle Empfehlung gegeben: “Wichtig ist, sich keinen fixen Zeitplan zu stecken. Es macht keinen Sinn, die komplette Tour von A bis Z genau vorauszuplanen. Am besten ist, flexibel zu bleiben und auf die Gegebenheiten vor Ort zu reagieren.” 

Je nach verfügbarer Reisezeit und Reisekasse sollte man sich unterwegs einen ausgiebigen Stopover gönnen und das Leben in vier festen Wänden geniessen. Zum Beispiel in grossen Metropolen wie London oder Amsterdam, in denen es tage- und wochenlang eine neue Welt zu entdecken gibt. In landschaftlich reizvollen Ferienregionen kann man sich überall ein gemütliches Ferienhaus mieten und nach Lust und Laune entspannen. In urigen Provinzstädten, zum Beispiel in Dänemark, Belgien oder Frankreich, gibt es überall schöne Bed & Breakfast-Häuser und statt praktischer „Energiezufuhr“ für die sportliche Hochleistung – und als willkommene Abwechslung – köstliche Gourmet-Touren kreuz und quer durch die örtlichen Speisekarten. Ein Genuss für Körper und Seele, auf den man nicht verzichten sollte. Denn: Auf den weiten Strecken über Land und über die Dörfer sind Fahrrad-Nomaden meistens Selbstversorger; mit Konservenkost vom Camping-Kocher und mit Schlafsäcken unterm Zeltdach in freier Natur.

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Abb. oben: Ein Soma aus San Francisco unterwegs in Schottland, Bergstrasse in Norwegen – Das EasyTiRohler mit Titanrahmen und perfekter Ausstattung ein Spitzenrad unter den Trekking Bikes

Kräftige Arbeitstiere für Kapitäne der Landstrasse

Diese Fahrräder für die „Expedition“ mit Sack und Pack rollen in der obersten Liga. Eine kleine Fotogalerie mit Fundstücken entlang der Nordsee-Route:

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Abb. oben: Ein Bianchi Volpe an der bretonischen Küste in Frankreich

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Abb. oben: Ein amerikanisches Surly Long Haul Trucker in Nordfrankreich

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Abb. oben: Der US-Klassiker Cannondale in England 

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Abb. oben: Aus Kalifornien – ein  Marin Bear Valley in Frankreich

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Abb. oben: Ein Giant Expedition in Norwegen

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Abb. oben: Ein britisches Thorn Touring Cycles unterwegs im heimischen England

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Abb. oben: Prachtstück des altbritischen Rahmenspezialisten Bob Jackson Cycles in Schottland

Einladung: Veröffentlichen Sie Ihre eigene Erfahrung
Erfahrene Reisetourer sind herzlich eingeladen, ihre persönlichen Tipps und Empfehlungen hier auf NordseeMagazin.com zu veröffentlichen. Wahlweise in Form eines separaten Artikels oder per Link auf die eigene Webseite. Sowohl über einzelne Nordsee-Regionen als auch über interessante Etappen der Nordsee-Rundfahrt.

Fotos
Aufmacherfoto oben: Reiserad Easy TiRohler von Idworx Bikes, Bike Basics GmbH, Wachtberg
Weitere Abbildungen: Pressefotos/Pressemappen der Herstellerfirmen und Tourismus-Behörden oder, sofern nicht namentlich genannt, besteht Creative Commons License (CC) oder Public Domain (PD) oder sonstiges Copyright/Copyleft laut rechtlichem Hinweis in Website Information nach EU-Richtlinie 2000/31/EG.

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