Sylter Symptome: Von Avenarius bis Zickenkrieg

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Knietief im Kitsch: Eine Gratwanderung zwischen Inselwelten

Über Inseln zerreist man sich gerne die Mäuler. Mit Vorliebe über Sylt. Am liebsten nach Pressevorlagen der linken Neidkultur und aus der Perspektive der Schlüsselloch-Redaktionen. Den Stoff dafür liefern Symptome, die sich auf Inseln wohl leichter sezieren lassen als in Grosstädten vor der eigenen Haustür.

150 Jahre Sylt sind eine lange Zeit. Man redete 1873 noch über die Strandräuber, als Hinrich Wrages Monumentalbild Strand auf Sylt (unten) entstanden ist. Da entdeckten die Künstler die Freiluftmalerei, da hetzten die Professoren der Kunstakademien in Düsseldorf und Berlin ihre Schüler scharenweise auf die Nordseeinsel, um arme Fischer und gewaltige Landschaften zu malen. Um die Jahrhundertwende folgten grosse Meister wie der Expressionist Emil Nolde.

Da war Westerland nach dem Vorbild englischer Luxus-Badeorte bereits ein Seebad – seit 1855. Da war Baden im Meer etwas völlig Neues und mit der Moral der Zeit nur durch Geschlechtertrennung in Badeanstalten zu vereinbaren. Heute ein Anekdötchen, damals eine Kulturrevolution, ausgelöst durch moderne Mediziner, die betuchten Patienten eine Kur am Strand verordneten. Ganz so, als würden Schönheitsmediziner heute Wellness in der Wüste predigen und alle Betuchten ins Beduinenzelt pilgern.

Da war der Strand noch wertloses Niemandsland – überflüssig, unangenehm. Nicht nur auf Sylt. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Aber die Geschichte ist so kurios wie die Histörchen aus der Schickimicki-Szene von heute: Man zerreist sich die Mäuler über dekadente Belanglosigkeiten. Schon für arrivierte Spiesser in den Kaiserbädern war Kulturgeschichte ein Fremdwort. „Was nützen mir die Farben, wenn ich nicht weiß, was ich malen soll?“ – das wusste der Edelmann Michel de Montaigne schon vor 400 Jahren.

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Gut betucht war auch der Berliner „Sylt-Entdecker“ Ferdinand Avenarius (1856-1923). Seit der Jahrhundertwende verbrachte der Feingeist die Sommer mit Frau und Kind im damaligen Künstlerdorf Kampen. Ein weitgereister Kosmopolit, Neffe Richard Wagners, Dichter, Gründer der Zeitschrift Der Kunstwart und des Dürerbundes,  Vorstandsmitglied in avantgardistischen Gesellschaften.

In Kampen baute Avenarius seine Villa Uhlenkamp und wurde bald zum Naturschützer aus Leidenschaft. Gemeinsam mit einem anderen Sommer-Kampener: Knud Ahlborn, Sohn eines Hamburger Zoologen und Strömungsforschers. Ahlborn gründete das Klappholttal, die spätere Akademie am Meer für Freigeister in einem malerischen Dünental. Und die Beiden zusammen gründeten schliesslich das Morsum-Kliff, das erste Naturschutzgebiet in Schleswig-Holstein. Avenarius starb mit 66 Jahren in Kampen und wurde dort erster Ehrenbürger. Eine Vita aus dem Bilderbuch der Bildungsbürger.

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Eitelkeiten und Peinlichkeiten 

In den grossen Seebädern zwischen Brighton in England und dem Lido in Venedig lag der Jahrmarkt der Eitelkeiten und der Jahrmarkt der Peinlichkeiten schon immer eng beieinander. So erfährt man 1898 aus Meyers Konversationslexikon: „Brighton hat drei Saisons im Lauf des Jahres. Im Mai und Juni ist es fast ausschließlich von den Familien der Londoner Kleinbürger (tradespeople) besucht, im Juli und August von Ärzten, Advokaten, Künstlern etc., und in den Herbst- und Wintermonaten, wimmelt es von Lords und Ladies, die vom Kontinent heimkehren. Die Zahl der Besucher, welche sich längere Zeit hier aufhalten, beträgt jährlich über 80.000“. Zwischen den Zeilen: Da tummelt sich Greti und Pleti.

Erst nach dem deutschen Wirtschaftwunder entstand zusätzlich ein Jahrmarkt der Scheusslichkeiten. Mit durchgeknallten Neureichen, die so gar nicht an die Nordsee passen. Wem so wenig peinlich ist, den kann nichts mehr bloßstellen. Freilich nicht nur auf Sylt. Seit den 1970er Jahren, rund 40 Jahre lang bis heute, wurden die einst von Künstlern und Freigeistern entdeckten Ferienparadiese zuerst vom neuen Geldadel besetzt, dann von Reiseversandhändlern geflutet und schliesslich von Bänkern verbrannt.

Glück gehabt: Sylts Schönheit kann nichts entstellen

Dieses Schicksal des dreifaltigen Elends teilt Sylt mit artverwandten und verschwägerten Berühmtheiten – und hat im Vergleich noch grosses Glück gehabt. Freilich: Jeder Vergleich hinkt, sollte aber dennoch zum Nachdenken über Nachhaltigkeit verführen. Weil: Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muß. Eine alte Weisheit aus dem Pferdeland Schleswig-Holstein.

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Die meisten alten Paradies-Inseln und Sehnsuchtsküsten sind längst vom Zahn der Zeit entstellt – oder dem Zeitgeist verfallen. Ob Lido oder Ibiza, Beispiele gibt es zuhauf. Nirgendwo hat Höhere Gewalt gewerkelt; die Ursachen sind immer hausgemacht.

Zum Vergleich: Mallorca wurde erst 100 Jahre später „entdeckt“ als die Nordseeinsel. Trotz des genialen Komponisten Chopin, der dort lange vor der Entdeckung Sylts seine Schwindsucht verschlimmerte. Wegen des Wetters – siehe „Klima erwartet man, Wetter bekommt man!“ Und trotz des österreichischen Erzherzogs und Sissi-Busenfreunds Ludwig Salvator, der Mallorca erst seit 1867 mit Wissenschaft und Naturschutz bekanntmachte. Der dicke Luigi wurde Mallorcas erster ausländischer Lebemann und Feudalherr mit traumhaften Ländereien. Seit seinem Wirken sind die Einheimischen an Mallorcas teuerster Künstler-Küste, der Tramuntana, eher blondhaarig.

Die Insel ist 30 mal grösser und schneller als Sylt. Erst seit den 1960er Jahren wurden Künstlerdörfer wie Deyá und Pollensa zu Legenden auf New Yorker Vernissagen und im Feuilleton der FAZ. Dem folgte der Massentourismus auf Ramsch-Niveau. Gleichzeitiger Bau-Boom, Immobilien-Preiswucher, horrende Spekulation und politische Korruption haben Mallorca schliesslich ruiniert.

Freilich geht es auch anders. Ein gutes Gegenbeispiel ist das Tessin: Sylt auf Schweizer Art, doppelt so langsam, aber dank penibler Behörden mit einer gesunden Volkswirtschaft gesegnet und mit einer auf Nachhaltigkeit gestützen Infrastruktur. Das bewusst altmodische Evergreen in der italienischen Schweiz war immer schon ein Magnet für anarchistische Künstler und konservatives Kapital gleichermaßen.

Wattenmeer versus Mittelmeer

Die Côte d’Azur in Südfrankreich: Doppelt so alt wie Sylt. Die Mutter des privaten Laissez-faire – einfach laufen lassen – des Tun ohne Tun. Ursprünglich wurde das Prinzip dort vom europaweit verschwägerten Hochadel vorgelebt. Dann mit dem Genie der Bohemiens und Picassos, mit den Filmdiven und dem Charme der Pariser Bourgeosie verfeinert. Das hat so lange überlebt, wie die Reichsten der Reichen aus aller Welt diese Gegend ausgehalten haben – im doppelten Sinne des Wortes. Gunter Sachs, Brigitte Bardort & Co. waren die letzten dieser Art. Seitdem ist die Côte eine Seifenoper, inszeniert von Massenmedien, mit halbseidenem Publikum und Millionen Live-Zuschauern aus den Pariser Vorstädten. Mit all seinem architektonischen Elend passend zur Massenveranstaltung.

Portofino und Porto Cervo in Italien muss man überspringen. Dort gelten immer noch die guten alten italienischen Familiengesetze der Sommerfrische, des Übersommerns, des Dolce far niente, der süßen Kunst des Müßiggangs im privaten Ferienhaus am Meer (nicht zu verwechseln mit dem neureichen Dolce vita). Eine gesunde Freizeitkultur, die mit dem deutschen Reisefieber nicht vergleichbar ist – „Reiseweltmeister“, eine schlimme Trophäe aus den Discounter-Regalen der deutschen Reiseindustrie, vermarktet im Stil dümmster Zahnpastareklame. Vom Guten im Süden nichts dazugelernt. Italiener exportieren zwar schlechten Rotwein, importieren aber niemals schlechte Lebensqualität. Während Germaniens Masochisten beim Wörtchen Qualität lieber auf den Wortstamm Qual abfahren: Sonnenbrand statt Schattenbräune, Sommerhitze statt Sommerfrische.

Auch Scheveningen ist nicht vergleichbar. Dieser Klassiker unter den alten Seebädern liegt mitten in einer der grössten Metropolregionen Europas, im noblen Den Haag neben Rotterdam und Amsterdam. Seine Grosstadtlage ist vergleichbar mit der Hamburger Aussenalster. Im Sylt-Vergleich nicht relevant.

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Zwischen Zahnschmelz und Zeitgeist

Es bleibt der Vergleich mit Ibiza. Tausendmal so sexy wie Sylt. Das Woodstock einer ganzen Erben-Generation aus allen Erdteilen. Lolitas aus Fürstenhäusern und Jünglinge aus Industrie-Dynastien – und umgekehrt – vereint in freier Liebe, zugeraucht im Schlabber-Gewand, kreativ mit der Selbsterfindung beschäftigt. Hippies sponsored by Mami und Papi – je weiter weg, desto besser. Das ist lange her. Vorbei, aber nicht vergessen. Da waren die Kinder vom Ponyhof  noch unter sich. Fernab von der realen Welt. So lange, bis die erwachsenen Verwandten selber auf den Geschmack kamen. Die kamen bald nachgereist, erschlugen arme Kleinbauern mit feinen Scheckbüchern, betonierten das Paradies mit Klunkervillen und sponserten fortan Michelin-Köche und Yacht-Skipper; die handelsüblichen Dolce-Vita-Prothesen für Status-Fetischisten.

Den bunten Zugvögeln des frühen Jet-Set folgten die Heuschrecken. Erst in Gestalt von Neckermanns Ferienfliegern, dann im Nadelstreifen der Boni-Bänker, schliesslich in schlecht geschnittenem Edelzwirn einheimischer Jungpolitiker; korrupte Neusozis ebenso wie mafiöse Altfaschisten. So lange, bis „sexy“ zum Synonym für perverse Bilanzposten verkam und bis – im Endstadium der Blasenkrankeit – die blutroten Zahlen in Bad Banks begraben wurden. Die sterblichen Überreste sind schon jetzt Reliquien der aktuellen Pleitegeschichte. Euroland ist abgebrannt – und en passant die grossen Sylt-Konkurrenten.

Sylt hat keine Konkurrenz – aber Anekdötchen

Mit dem Terminus Konkurrenz tut man Sylt also Unrecht. Sylt hatte noch nie Konkurrenten – erst recht nicht im Süden. Da war zum Glück die Nordsee davor. Das Eiland in der Brandung hat zu viele norddeutsche Tugenden und mochte sich solche Eskapaden noch nie leisten. Von Anekdötchen abgesehen, wie ein Internatsprojekt für Sprösslinge aus Neureichland oder ein Flughafen für Billigflieger, war die grösste Nordseeinsel immer ein Bollwerk hanseatischer Bürgerschaft. Jedenfalls so lange in Hamburg das Understatement noch als Kulturgut im kleinen Kreis gepflegt wurde.

Anekdötchen sind allerdings böse Symptome: Adel von Geist und Geld an einem Tisch mit Protz und Proll? Hautnah – wie soll das gehen? Ist Sylt so riesig wie New Yorks Long Island – wo sich ganz Manhattan verläuft? Oder ist Sylt auf Mallorcas Holzweg? Weil: Wozu braucht man einen Ferrari am Wattenmeer? Oder andersrum: Braucht Sylt Leute, die einen Ferrari am Wattenmeer brauchen?

„Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch.“

Für unzeitgemäße Betrachtungen sei Montaigne als Urlaubslektüre empfohlen. Seine Essays haben seit 400 Jahren Bestand. Obwohl es da noch keine Seebäder gab; noch nicht mal Ferien. „Wir trachten nach anderen Lebensformen, weil wir die unsere nicht zu nutzen verstehen. Wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist. Doch wir mögen auf noch so hohe Stelzen steigen – auch auf ihnen müssen wir mit unseren Beinen gehen. Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch.“ – Michel de Montaigne.

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Über die Kunst des Zickenkriegs

Freilich hat Hamburg, die deutsche Stadt von Welt, heute zu viele neue Millionäre, denen Schnöseldorf schon zu klein ist für die grossen SUVs mit Kuhfängern vor dem Kühlergrill. Kübelwagen wollen knietief in den Kitsch. Klunker wollen klappern. Viel mehr kann man sich mit einem Boni-Milliönchen heutzutage auch gar nicht leisten – wenn man sonst nichts leistet. Das reicht gerade noch für die Glanz-und-Gloria-Etiketten aus den Schickeria-Shops. Früher kamen Lieferanten durch den Dienstboten-Eingang ins Haus. Heute fährt man ihnen bis nach Sylt hinterher. Verkehrte Welt. Als sei Wohlstand eine Preisfrage.

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So gesehen haben sich die Zeiten auch auf Sylt geändert. Früher wurde die Kunst des Zickenkriegs noch mit Leidenschaft geführt. Wenn auch seltener an der Nordsee. BB in Saint-Tropez und all die Lolitas und Prinzessinnen in den verrückten Künstlerdörfern am Mittelmeer konnten ein Lied davon singen. Diese kreative Epoche hat Sylt in der Tat verpasst. Zum Trost: Andernorts ist sie auch zu Ende. Heutzutage werden Zickenkriege um Alpha-Männchen von Anwaltskanzleien geführt – sicher ist sicher. Heute geht’s um Geld und Grundstücke, nicht mehr um Lust und Lebenslaune. Teure Langeweile statt kurzweilige Abenteuer. Lust am Leben beschränkt sich heute auf den Pegelstand der Altersvorsorge und hängt am Tropf der Rettungsschirme wildfremder Schuldenbänker. Das wirkt wie Schlaftabletten.

Neumodischer Zickenkrieg ist (un)echt langweilig. Und dafür viel zu teuer. Das ist für Alpha-Männchen gar nicht mehr lustig. Erst recht nicht, wenn man sein Privatleben in bunten Blättern nachlesen kann, in denen man zum Promi degradiert wird. Oder gar von Pausenclowns imitiert wird – das ist die wörtliche Übersetzung für Comedians. Das wäre vor wenigen Jahrzehnten noch als üble Nachrede empfunden worden; von der Satire so weit entfernt wie ein Groschenroman von der Literatur.

Im Vergleich mit den vermeintlichen Konkurrenten ist Sylt nie wirklich ausgeufert. Dazu ist die chronisch schwindsüchtige Insel auch viel zu fragil. Die Nordsee nagt am Land. Bettenbunker in Montecarlo-Manier hätte die Insel gar nicht verkraftet – bei der nächsten grossen Sturmflut würde sie das Schicksal mit Rungholt teilen, der versunkenen Stadt, nur wenige Seemeilen entfernt, mysteriös unterm Wattenmeer.

Hanseaten & Compagnie: Flagge zeigen!

Im Grunde ist Sylt so bürgerlich wie ihre grossen Schwestern am anderen Ende der „Nordsee“ – wie Martha’s Vineyard vor Boston und Long Island vor New York, obwohl dort allein The Hamptons schon grösser sind als ganz Nordfriesland. Ebenso der Reichtum ihrer Freizeit-Residenten. Auf diesen Inseln wohnen die Kennedys, Vanderbilts und Rockefellers seit der Gründerzeit ihrer Dynastien. In absoluter Harmonie mit der Natur und der normalsterblichen Nachbarschaft –  den Künstlern und Bauern, den Händlern und Rentnern. Und obendrein angenehm anonym. Kein Journalist kommt dort auf die Schnapsidee, dem Privatleben sogenannter Promis nachzustellen; wer ein privates Grundstück betritt, geht schnurstracks in den Knast.

Schön wär’s – für alle – wenn sich die echten Hanseaten genauso fürsorglich auch um ihre Insel kümmern würden. Flagge zeigen! Die rote Karte zeigen! Anstatt in Kampen die rote Hamburger Fahne nur auf dem eigenen Grundstück hochziehen. Das allein ist noch kein Kunststück.

Fotos

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